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Vampir Geschichten

Kurzgeschichten über die Nachtwesen

Venezianische Impressionen


(Mittel: 10540 Zeichen)
 Leila Online seid 31.08.2006
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1980. Rund 300 Jahre waren vergangen seit ich hier in Venedig gewesen war und ich konnte nicht glauben, was ich sah. Wo war das strahlende Venedig geblieben, durch das ich mit Bran einst gegangen war? Die Häuser waren natürlich alt, aber ich hatte nicht erwartet, sie so sichtlich vernachlässigt zu sehen. An vielen Stellen bröckelte der Putz von den Außenwänden und nicht wenige Häuser standen leer. Die Venezianer waren zum großen Teil nur noch alte Leute. Die junge Generation verließ die Stadt. Nur noch ein paar zig-tausend Bewohner, überschwemmt von Millionen von Besuchern. Manche Häuser waren vorderseitig neu verputzt und gestrichen worden, aber wenn ich die Rückseite betrachtete, blickte ich wieder auf die Spuren langsamen Verfalls. Die Touristen sahen nicht hinter die Kulissen. Venedig hatte sich in eine Geisterstadt verwandelt, in ein übergroßes Museum, das von den Erinnerungen an eine große Vergangenheit lebt. Ich streifte durch die Gassen und war froh um mein nächtliches Dasein: Die vielen Touristen bei Tage hätte ich nicht ertragen. Diese Stadt hatte ihre Seele verloren, ihr einst so großartiger Stolz und ihr Zauber war nur noch Trug und Schein. Was war mit den Meinen geschehen? Waren sie noch hier? Konnte man in dieser Stadt überhaupt noch leben ohne sich wie lebendig begraben zu fühlen?
Zielstrebig machte ich mich auf den Weg zum Rio di San Lorenzo. Ich klopfte an der Tür des riesigen Palazzo und wartete. Lorenzo hätte sein Venedig niemals freiwillig verlassen. An jedem anderen Ort wäre er todunglücklich gewesen. Als niemand öffnete, wartete ich geduldig weiter. Vielleicht war er in der Stadt unterwegs oder auf der Jagd. Bis zum Morgen waren es nur noch ein paar Stunden. Er würde sicher bald zurück sein. Doch kurz vor dem Morgengrauen brach ich schließlich kurzerhand das Schloss des Palazzos auf. Im Inneren erwartete mich gähnende Leere. Es war wirklich ein Schock für mich, dass Lorenzo offensichtlich nicht mehr hier wohnte. Er liebte diese Stadt, in der er im 15. Jahrhundert zum Vampir geworden war, über alles. Konnten ihn diese Veränderungen wirklich vertreiben? Würde er freiwillig sein Venedig verlassen? Ratlos schloss ich mich für den Tag in ein fensterloses Zimmer ein.

Am folgenden Abend war ich zunächst unschlüssig was ich tun sollte. Schließlich versuchte ich mich in Lorenzo hineinzuversetzen und überlegte, wo ich ihn suchen sollte. Mein Weg führte mich aufs Festland jenseits der Lagunenstadt und mein Instinkt hatte mich nicht betrogen. Schon wenige Nächte später spürte ich in meiner Nähe die Anwesenheit eines anderen Vampirs und nur ein paar Straßen weiter sah ich ihn stehen. »Lorenzo!« rief ich ihn an. Er drehte sich überrascht um und lachte laut auf. »Ciao Leila! Was für eine Überraschung?! Was führt Euch nach so langer Zeit wieder hier her?« wollte er mit seiner direkten Art sofort wissen. Ich umarmte ihn. »Ich freue mich auch sehr Euch zu sehen, Lorenzo! Ihr wart wirklich nicht leicht zu finden. Warum seid Ihr hier auf dem Festland?« fragte ich. Er sah mich traurig an. »Ihr habt die Stadt gesehen« stellte er fest. Warum fragt Ihr da noch?, stand als unausgesprochene Frage hinter seinen Worten. »Nein, ich brauche keine Erklärung. Ich kann verstehen, was Euch aus dieser Stadt vertrieben hat.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist furchtbar! Ihr habt Venedig gesehen als es noch lebendig war. Ich selbst wurde in seiner Glanzzeit geboren und habe es als stolz und mächtig erlebt… Sie stirbt, Leila. Mein Venedig stirbt. Nein… Eigentlich ist es schon fast tot. Das dort…« Er wies mit tieftraurigem Blick in Richtung der Lagune und der Stadt. »…ist nur noch ein Körper mit einem letzten Funken Leben, der künstlich daran gehindert wird zu sterben – für die Touristen« seine Worte klangen bitter und ich sah Schmerz in seinem Gesicht, als trauere er wirklich um ein lebendiges Wesen. »Es zerreißt mir das Herz die Stadt so zu sehen!« sagte er.
Ich sah Lorenzo fragend an. »Warum seid Ihr dann noch hier? Warum quält Ihr Euch Nacht für Nacht mit der Silhouette Venedigs vor Augen?« wollte ich wissen. »Ich kann sie doch nicht verlassen!« Er lächelte freudlos. »Wohin sollte ich gehen? Ich habe 560 Jahre in dieser Stadt gelebt, die meiste Zeit als Vampir. Ich war nie wie Ihr, Leila. Reisen und Abenteuer sind nichts für mich. Manchmal denke ich, mehr als ein halbes Jahrtausend ist genug…« Ich sah ihn erschrocken an. »Ihr meint doch nicht etwa…« »Doch das meine ich. Ich glaube, ich habe lange genug gelebt und ohne Venedig habe ich keinen Platz mehr auf der Welt, an dem ich glücklich sein könnte.« Betroffen sah ich ihn an. Diese Gedanken waren mir so vollkommen fremd, dass ich sie nicht begreifen konnte. Mein Zuhause war immer die Welt gewesen und niemals war Glück von einem einzigen Ort abhängig gewesen.
Ich wusste nicht was ich darauf erwidern sollte, also wechselte ich das Thema. »Was wurde aus Giulia und Alessandro?« Er schien aus seinen Gedanken aufzuschrecken. »Sie haben die Stadt vor ein paar Jahrzehnten verlassen und ich habe sie seither nicht mehr gesehen. Ich habe keine Ahnung wo sie heute sind.« Ich nickte. »Ich bin wieder einmal auf Reisen. Eigentlich bin ich auf dem Weg nach Rom, aber dann konnte ich nicht widerstehen hierher zu kommen, weil ich Venedig wiedersehen wollte – und Euch. Man hört so viel von der Stadt. Die Menschen kommen ins Schwärmen, wenn sie von ihr sprechen und halten es für das Paradies in Venedig zu wohnen. Ich habe genug gehört und gesehen, um mir denken zu können, dass sie übertreiben, aber ich war ehrlich schockiert als ich die Stadt gesehen habe.« Ich vertrieb die Gedanken mit einem Kopfschütteln.

In den folgenden Nächten schwieg ich über Lorenzos Worte, aber in Gedanken kehrte ich immer wieder zu ihnen zurück. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und sprach ihn darauf an. »Ich kann nicht vergessen, was du gesagt hast. Du denkst also ernsthaft darüber nach alles zu beenden?« fragte ich ihn. »Ja, Leila. Im Grunde ist es längst beschlossene Sache. Ich habe sehr lange gezögert, aber es war schon lange abzusehen. Ich bin eins mit dieser Stadt. Vielleicht hast du mir das alles nur noch einmal klar vor Augen geführt.« »Aber es gibt noch andere schöne Städte außer Venedig!« wandte ich ein. »Ja, für dich Leila. Aber das kann ich genauso wenig verstehen, wie du verstehst was Venedig mir bedeutet.« Nein, das konnte ich offensichtlich wirklich nicht.
»Nichts reizt mich mehr, nichts kann mir mehr ein Lachen entlocken. Und ich habe genug gesehen in den letzten fünf Jahrhunderten: Schönes und hässliches, Reichtum und Armut. Was soll mich noch reizen?« So vieles, wollte ich ihm zurufen. So vieles hast du noch nicht gesehen, was es sich zu sehen lohnt. »Venedig nicht die Welt« sagte ich. »Und die Welt ist nicht Venedig« entgegnete er.
»Ich bin es müde mich immer wieder der sich immer schneller wandelnden Zeit der Menschen anzupassen. Warst es nicht du, die einmal gesagt hat, sie wolle sich um der Menschen willen keine Mühen machen, die sie freiwillig nicht auf sich nehmen würde?« fragte er. »Ja, das war ich gewesen, aber so habe ich das doch nicht gemeint. Es hat mir damals nur widerstrebt, die Leichen unserer Opfer extra aufs Meer hinauszurudern.« »Aber wo siehst du den Unterschied, Leila? Anpassung ist Anpassung, ob es nun ums Jagen geht oder um etwas anderes.« Darauf wusste ich nichts zu erwidern. »Dein Entschluss steht also fest.« Das war eine Feststellung, keine Frage. Lorenzo nickte. »Ja, Leila.« Mit einem Mal kam ich mir sehr befremdlich vor. Ich stand vor einem unsterblichen Freund, der bald nicht mehr hier sein würde. »Es kommt mir so seltsam vor und es macht mich traurig« sagte ich. »Du warst für mich immer ein Freund.« Lorenzo sah mich an. »Und du für mich eine Freundin und darum hoffe ich, dass du mich wenigstens ein bisschen verstehst.« Ich hob abwehrend die Hände. »Du weißt, dass das unmöglich ist, aber ich werde nicht versuchen, dich aufzuhalten, denn das ist ebenso unmöglich.« Lorenzo lächelte. »Ich danke dir!« Er wandte sich der Lagune zu. »Würdest du mit mir eine letzte Nacht in der Lagunenstadt verbringen?« fragte er mich dann und ich konnte nur beklommen nicken.
Wir gingen die ganze Nacht durch die alte Stadt. Mit jeder Stunde, die verstrich wurden die Plätze und Gassen leerer und es fiel uns leichter, uns in alte Zeiten zurückzuträumen. Es gab nichts mehr zu sagen zwischen Lorenzo und mir, also schwiegen wir. Das Glucksen des Wassers war der einzige Laut, der die Stille durchbrach. Doch auch die längsten Stunden gehen irgendwann zu Ende und auf die Nacht folgt unweigerlich der Tag. Wir standen auf der Piazza San Marco, wo uns nur ein paar wenige Tauben Gesellschaft leisteten. Unschlüssig stand ich vor Lorenzo. »Sie mich nicht so an, Leila.« Ich lächelte traurig. »Das sagst du so leicht.« Spontan umarmte ich ihn. »Leb wohl, Lorenzo.« Ich löste mich wieder von ihm. »Ich wünsche dir alles Gute, Leila.« Dann setzte er sich auf eine der Bänke, die tagsüber von den Touristen belagert wurden und ich wandte mich zum Gehen. »Hier hat man einen guten Blick nach Osten« bemerkte er, aber er schien mehr zu sich selbst gesprochen zu haben. Wenn ich ihn so aus der Entfernung ansah, wie er so lässig mit übereinander geschlagenen Beinen auf der Bank saß, wirkte er wie ein früher Tourist, der ohne jede Eile den Tag erwartete. Nichts deutete darauf hin, dass mit der Sonne der Tod kommen würde. Ich wandte mich ab und suchte mir ein Versteck für den Tag.

Am folgenden Abend ging ich raschen Schrittes in Richtung der Piazza San Marco. Ich hatte keinerlei Blick für die Menschen, die mich umgaben. Wie ein Geist bewegte ich mich lautlos zwischen ihnen. Die Bank war leer und nichts deutete darauf hin, dass Lorenzo jemals hier gewesen war. Er hatte praktisch niemals existiert. Ich setzte mich still auf die Bank und ich bemerkte die Blicke der vorübergehenden Menschen nicht, die die wie eine blasse Statue dasitzende Frau musterten. Ich hatte Lorenzo nur dieses eine Mal getroffen, damals beim Karneval, vor drei Jahrhunderten, und doch fühlte ich den Verlust. Er war einer der Unseren gewesen. Stumm verabschiedete ich mich von Lorenzo und von Venedig, dann verließ ich gegen Mitternacht die Lagunenstadt, um niemals wieder zurückzukehren.

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