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Vampir Geschichten

Kurzgeschichten über die Nachtwesen

Dunkle Begierde


(Lang: 95301 Zeichen)
 AEsahaettr Online seid 11.01.2006
(1758 mal gelesen)

Lesemodus: Standart + Große Schrift + Kleine Schrift + Schwarz/Weiß + VC-Farben

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Amily rannte durch den tief verschneiten Wald. Ihr keuchender Atem hinterließ kleine weiße Dampfwölkchen in der klaren Luft. Immer wieder warf sie gehetzte Blicke über die Schulter nach hinten. Schon mehrere Male war sie auf diese Weise gestolpert und in den tiefen Schnee gefallen. Doch immer wieder hatte sie sich aufgerappelt und war weitergelaufen.
Sie fürchtete sich davor, nicht wieder aufstehen zu können, und somit ihren Verfolgern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Sie wusste weder, was sie in diesen Wald verschlagen hatte, noch, wer ihre Verfolger waren. Das einzige, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass sie Angst hatte.
Plötzlich hörte sie, zuerst weit hinter sich, doch dann immer näher kommend, das Geheul der Wölfe. Angstvoll warf sie einen Blick über die Schulter. Dabei verhedderte sie sich in einem Dornengestrüpp und fiel der Länge nach hin. Sie verschluckte eine Handvoll Schnee, riss sich ihre Kleidung an den Dornen auf.
Ein scharfer Schmerz bohrte sich durch ihr linkes Bein und ließ sie vor Schreck und Schmerz aufschreien. Ihre rechte Hand schnellte von selbst nach hinten und fühlte ihr Bein hinunter, bis sie unterhalb des Knies etwas Spitzes ertastete. Als Amily ihre Hand vor ihre Augen hielt, konnte sie Blut erkennen.
Das Heulen ertönte wieder, nun war es ganz nahe. Amily stemmte sich nach oben - und wäre beinahe abermals gestürzt. Ein scharfer Schmerz durchbohrte ihr Bein wie eine Klinge. Wimmernd warf das Mädchen einen Blick über die Schulter.
Durch den einsetzenden Schneefall erkannte sie dunkle, schemenhafte Umrisse, die immer näher kamen. Die Wölfe! Immer noch folgten sie ihr. Lange würde Amily ihnen nicht mehr entkommen können.
Mit dem Mut der Verzweiflung humpelte sie weiter durch den immer dichter fallenden Schnee, auf ein Wunder hoffend, was das einzige war, das ihr jetzt noch helfen konnte. Nach etwa hundert Schritten konnte sie nicht weiter.
Dunkles Blut lief ihr Bein hinab und tropfte in den weißen Schnee, wo es eine gut sichtbare Spur hinterließ. Doch die Wölfe brauchten nicht einmal das, um ihr folgen zu können. Der Geruch des Blutes reichte, um Amily aufzuspüren.
Schon fast am Ende ihrer Kräfte warf Amily einen Blick nach vorne durch die dicht stehenden Bäume – und meinte, zwischen ihnen Licht schimmern zu sehen. Dieses Licht gab ihrem Körper noch einmal die Kraft, sich hochzustemmen und ihm entgegenzustolpern. Sie hatte es beinahe erreicht, als vor ihr wie aus dem Nichts eine graue Mauer mit einem verschlossenen Tor auftauchte.
Mit einem leisen Aufschrei warf Amily sich gegen das Tor und begann, mit ihren inzwischen tauben Händen gegen das robuste Holz zu hämmern. Doch niemand kam, um ihr zu öffnen.
Ihre Beine gaben nach; Amily rutschte am Tor entlang nach unten und blieb im Schnee sitzen. Aus den Augenwinkeln gewahrte sie fünf Wölfe, die langsam näher kamen und sie aus hungrigen Augen beobachteten.
Die Kälte kroch unter Amily’s Kleidern hindurch und verursachte eine Gänsehaut. Fröstelnd versuchte sie, sich hochzustemmen, um vielleicht doch den hungrigen Wölfen zu entkommen, doch sie konnte ich nicht mehr bewegen.
Die Wölfe hinter ihr begannen zu knurren und leise zu jaulen. Einer von ihnen, ein besonders großes, fast nachtschwarzes Tier, trennte sich von den anderen und stellte sich kurz vor Amily auf. Das Mädchen konnte den heißen Atem des Tieres spüren, und schloss entsetzt die Augen, als sie sah, dass der Wolf zum Sprung ansetzt. Sie hätte nie gedacht, auf diese Weise sterben zu müssen.
Ein Hauch kalter Luft streifte ihren Nacken. Entsetzt duckte Amily sich noch etwas tiefer in den Schnee – und blickte erstaunt auf, als sie ein schrilles Jaulen vernahm. Der schwarze Wolf war in einen verbitterten Kampf mit einem anderen Wolf verwickelt. Doch dieser unterschied sich in sämtlichen Punkten von seinem Gegner.
Der Schwarze war unterernährt; der harte Winter hatte ihm das Fett von den Knochen gesogen und sein Fell struppig und farblos werden lassen. Dagegen war sein Gegner beinahe so etwas wie eine Erscheinung: ein riesiges, ganz und gar weißes Tier mit glänzendem Fell und kräftigen Läufen und Zähnen.
Der Kampf war fürchterlich anzusehen. Der Schwarze und seine Kumpanen kämpften zusammen gegen den weißen Gegner, der ihnen jedoch an Ausdauer und Kraft weit überlegen war, obwohl er allein gegen fünf kämpfte. Schon nach wenigen Minuten lagen drei der Wölfe tot am Boden, ein weiterer kroch schwer verletzt aus der Zielrichtung in Richtung Bäume davon.
Allein der Schwarze kämpfte noch weiter, doch auch er sollte dem weißen Wolf unterlegen sein. Der sprang, mit einem einzigen Satz, dem schwarzen an die Kehle und biss zu. Sein Gegner bäumte sich unter schrillem Jaulen auf – und brach tot zusammen.
Amily lag mittlerweile im Schnee. Ihr Bein schmerzte fürchterlich, und der Schnee hatte sich dort, wo der Unterschenkel lag, rot gefärbt. Das Mädchen konnte nicht mehr klar sehen; schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen, die langsam größer wurden.
Ein Schatten verdunkelte kurz den Himmel. Amily meinte, den weißen Wolf zu sehen, der mit einem Satz über sie drüber flog und aus ihrem Gesichtsfeld verschwand, doch sicher war sie sich nicht.
Die schwarzen Punkte wurden immer größer. Amily wusste, dass das mit dem Blutverlust zu tun hatte, doch sie konnte nichts tun, um die Blutung zu stoppen. Noch einmal versuchte sie, die Hand zu ihrem Bein auszustrecken, aber sie war zu schwach. Einen Moment war ihr, als sähe sie einen länglichen Schatten, der sich über sie beugte.
Amily meinte, eine Hand in einem schwarzen Handschuh zu fühlen, die ihr leicht über das Gesicht strich. Doch sie war nicht sicher; ihre Gedankengänge waren verschwommen, sie sah nichts mehr und auf ihren Ohren schien Watte zu liegen, die jedes Geräusch verschluckte.
Plötzlich schoss ein brennender Schmerz durch ihr verletztes Bein, als steche jemand mit einer glühenden Nadel in ihr verwundetes Fleisch. Amily schrie auf, und versuchte, die Hand wegzustoßen, die sich um ihre Schulter geschlossen hatte und sie festhielt. Mit letzter Kraft bäumte das Mädchen sich auf – und stürzte in ein schwarzes Loch, das sie verschluckte und ihre gepeinigten Schreie erstickte.


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Ein Gefühl von Wärme weckte Amily. Mit geschlossenen Augen tastete sie über die weiche Unterlage, auf der sie lag, bis sie an einer Seite eine Kante fühlte. Vorsichtig zog sie ihre Hände wieder an den Körper und öffnete die Augen.
Sie lag in einem Doppelbett mit weißem Laken und weißen Kissen. Das Zimmer war nicht sehr groß, dafür aber mit allen wichtigen Dingen ausgestattet. Rechts von der Tür, die sich gegenüber dem Bett befand, war ein Fenster in die Wand eingelassen worden. Vor dem Bett stand eine hölzerne Truhe.
Die Wände des Zimmers waren weiß verputzt; alles hier wirkte sauber und ordentlich. Amily richtete sich vorsichtig auf, um aus dem Fenster zu sehen. Dabei fiel ihr ein sauber angelegter Verband an ihrem linken Bein auf.
Jemand hatte ihre Wunde verbunden, und den spitzen Gegenstand, was immer es auch gewesen war, entfernt. Schwach erinnerte sie sich an den Schmerz, den sie verspürt hatte, bevor sie draußen vor dem Tor ohnmächtig geworden war.
Vor ihrem Fenster, zum Greifen nahe, erhoben sich mächtige Bergspitzen gen Himmel. Fünf an der Zahl waren es; von drei konnte Amily die Spitzen nicht sehen. Doch mussten sie ziemlich hoch sein, denn auf ihnen lag Schnee.
Sachte ließ die Siebzehnjährige sich wieder in das Kissen sinken. Abermals senkte sich Müdigkeit über ihren Geist. Sie schloss die Augen, drehte sich auf die Seite und kuschelte sich tief in die Decke. Bereits wenige Minuten später war sie eingeschlafen.
In der Nacht wurde sie durch ein leises Scharren und einer sanften Bewegung auf ihrer Wange geweckt. Mit geschlossenen Augen lag Amily da, und überlegte, was sie tun sollte. Doch die Person, der die Hand gehörte, schien keinerlei böse Absichten zu hegen.
Eine längere Zeit strich die Hand weiter über ihre Wange und ihre Stirn, dann wurde sie weggezogen. Wieder ertönte das leise Scharren, sowie leise Schritte auf Teppich. Die Person ging um das Bett herum, und setzte sich auf der anderen Seite an das Fußende.
Amily zuckte leicht zusammen, als die Bettdecke an ihrem linken Bein vorsichtig beiseite gezogen wurde. Doch nach einigen Sekunden begriff sie, dass die Person, die sie aufgrund der Dunkelheit nicht sehen konnte, obwohl sie nahe am Fenster saß, nur nach ihrem Verband sah.
Ihr Helfer musste ihr Zucken gespürt haben, denn er legte ihr vorsichtig eine Hand auf das Bein, bevor er die Bettdecke wieder darüber zog. Amily überlegte, ob die Person das Zimmer jetzt verlassen würde.
Doch das war nicht der Fall. Im Gegenteil; der Fremde blieb an ihrem Bett sitzen. Amily hatte das unbestimmte Gefühl, dass er sie beobachtete. Doch sie fühlte sich nicht unwohl, im Gegenteil. Amily hatte das Gefühl, behütet und auf merkwürdige Art beschützt zu sein.
Mit diesem Gedanken schlief sie wieder ein. Die Gestalt an ihrem Bett blieb bewegungslos sitzen, etwa eine halbe Stunde lang. Als die Atemzüge des Mädchens leise und gleichmäßig waren, erhob er sich leise und ging neben dem Gesicht der Siebzehnjährigen auf die Knie.
Lange betrachtete der Mann das schlafende Mädchen, strich ihr mit seiner behandschuhten Hand über das Gesicht und über das blonde Haar. Als er sie so betrachtete, stieg eine nie zuvor gekannte Sehnsucht in ihm auf. Konnte sie es sein? Hatte das Schicksal endlich ein Einsehen; sollte das diejenige sein, auf die er so lange gewartet hatte?
Sachte beugte er sich schließlich vor und berührte ihre Stirn und den Ansatz ihres Haares mit den Lippen. Dann stand er auf und verließ geräuschlos das Zimmer.

Als Amily erwachte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie war. Doch als sie sich im Bett aufsetzte, und den Verband an ihrem Bein sah, fiel ihr wieder ein, was vergangenen Abend geschehen war.
Sie stand auf und stützte sich dabei mit einer Hand am Bettpfosten ab. Ihr linkes Bein konnte noch nicht vollständig belastet werden, da es wie verrückt zitterte, sobald sie ihr Körpergewicht auf die linke Hälfte ihres Körpers verlagerte,
Ein wenig hinkend ging Amily am Bett entlang und stützte sich dabei an den Bettpfosten ab. Nachdem sie zum Fußende gekommen war, ließ sie sich erschöpft auf dem weißen, flauschigen Teppich nieder und nahm die Kiste näher in Augenschein, die ein paar Schritte neben ihr stand.
Es handelte sich um eine aus dunklem Holz, mit allerlei Verzierungen um den Deckel und die Seiten geschmückte und mit eisernen Beschlägen besetzte Truhe. Neugierig hob Amily den Deckel an und lehnte ihn gegen das Bett. Dann beugte sie sich vor und lugte in die Truhe.
Kleider lagen darin, sorgsam aufgestapelt, sowie Schreibzeug, Federkiele und Tinte, einige Bücher. Ganz obenauf lag ein Brief.
Neugierig nahm Amily ihn heraus und öffnete ihn. Erstaunt überflog sie die Zeilen, die ein ihr Unbekannter an sie gerichtet hatte.

Ich hoffe, es geht dir besser. Als ich dich vor zwei Tagen an meinem Schlosstor gefunden habe, warst du am Ende deiner Kräfte. Nachdem ich dich herein trug, hast du lange geschlafen.
Wenn du Hunger verspüren solltest, geh aus dem Zimmer, in dem du dich gerade befindest, und den Gang hinunter. Am Ende ist eine Tür. Wenn du sie öffnest, kommst du in das Speisezimmer. Du wirst alles bereit finden.
Falls du Lust nach Gesellschaft verspüren solltest, findest du mich in der Bibliothek. Das Zimmer befindet sich ebenfalls auf dem Gang, es ist die linke Tür. Ich werde dort auf dich warten. Wenn die Schmerzen in deinem Bein zu schlimm sind, musst du nicht kommen.

Amily legte den Brief beiseite und starrte aus dem Fenster. Sie erinnerte sich nur allzu deutlich an die letzte Nacht. An die Person an ihrem Bett, an die Fürsorge, die ihr der Unbekannte entgegen gebracht hatte.
Entschlossen blickte Amily an sich herunter. Verärgert und ein wenig erschrocken stellte sie fest, dass ihre Kleider, die sie bei der Verfolgung der Wölfe angehabt hatte, zerrissen und verdreckt waren.
Ob die Kleidung, die in der Kiste lag, ihr passen würde? Unentschlossen griff Amily nach der obersten Schicht und staunte, als sie plötzlich ein Kleid aus weißem Stoff in der Hand hielt. Es war kostbar gearbeitet: an den Ärmeln waren gestickte Muster eingenäht, und um die Tallie verlief ein dünner Gürtel mit Rankenmuster.
Ein wenig unschlüssig betrachtete die junge Frau das Kleid. Sie musste etwas anderes anziehen, wenn sie sich mit ihrem Retter unterhalten wollte. Unmöglich konnte sie das anlassen, was sie gerade trug. Doch das Kleid sah kostbar aus. Bestimmt war es nicht für sie bestimmt.
Sorgsam legte sie das Kleid wieder zusammen und verstaute es in der Kiste. Dann suchte sich Amily eine weiße Bluse und einen, ebenfalls weißen, knöchellangen Rock heraus. Schuhe gab es keine; doch Amily, durch das Laufen im Wald an Boden gewöhnt, verzichtete gern darauf.
Nachdem sie sich umgezogen hatte, öffnete sie die Tür ihres Zimmers und trat auf den Gang hinaus. Der Gang, in dem sie sich befand, war mit dunklem Holz vertäfelt. Der Boden war mit einem, ebenfalls dunklem, Teppich ausgelegt.
Amily ging den Gang entlang bis zum Ende des Ganges. Wie in dem Brief beschrieben, war dort eine Tür aus Eschenholz. Die junge Frau öffnete sie und fand sich in einem länglichen Zimmer mit einer Tafel und mehreren Stühlen wieder.
Auf der Tafel standen ein Gedeck, sowie ein Brotkorb und eine Platte mit Wurst und Käse. In einem offenen Kamin an der einen Seite prasselte ein Feuer. Als Amily so zur Tafel sah, bemerkte sie, dass sie hungrig war. Rasch setzte sie sich hin und verbrachte die nächsten Minuten damit, sich satt zu essen.
Nach dem Frühstück stellte Amily den Stuhl zurück und ging wieder auf den Gang hinaus. Sie sah den Gang hinunter. Rechts von ihr war eine Tür aus hellem Holz, die wohl in die Bibliothek führte. Auf der linken Gangseite waren zwei Türen; die hintere war die ihres Zimmers, wohin die vordere führte, wusste die junge Frau nicht.
Plötzlich überkam Amily ein seltsamer Drang, herauszufinden, wer ihr Gastgeber war. So steuerte sie auf die Bibliothek zu. Als sie den Raum betrat, stockte ihr unwillkürlich der Atem. Das, was sie hier sah, überstieg selbst ihre kühnsten Träume.
An den Wänden in dem großen Raum waren hohe Bücherregale angebracht, in denen Tausende von Werken standen. Die Wand rechts war freigelassen worden; dort war ein großes Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte und die ganze Wand ausfüllte. Vom Fenster aus hatte man einen weiten Blick über den Wald, der sich von hier aus weit in das Landesinnere erstreckte.
„Die Aussicht ist wunderbar, nicht wahr?“, ertönte eine Stimme von vorne. Amily zuckte leicht zusammen; sie hatte vergessen, dass sie sich nicht allein hier befand. Rasch wandte sie den Kopf, um zu sehen, wer sie angesprochen hatte.
An der hinteren Wand des Raumes war in einer breiten Lücke zwischen den Regalen ein Kamin in die Wand gemauert worden. Helle Flammen knisterten darin. Links von ihm stand ein Mann. Mit freundlichem Gesichtsausdruck sah er zu Amily hinüber.
Die Siebzehnjährige nickte. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Irgendetwas war an diesem Mann, was ihr die Möglichkeit nahm, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie betrachtete ihn vorsichtig.
Er hatte kurze, braune Haare, schmale Gesichtszüge und einen normalen Körperbau. Seine Kleidung war einfach; schwarze Hosen und Stiefel, und ein weißes Hemd aus reinem Stoff. Er winkte Amily, näher zu kommen.
Die Siebzehnjährige ging auf den Mann zu, der sich umgewandt und in einen Sessel gesetzt hatte, der vor dem Kamin stand. Ein paar Schritte vor dem Kamin blieb Amily stehen. Der Mann schien ihre Unsicherheit zu bemerken, denn er drehte ihr sein Gesicht zu und bedeutete ihr freundlich, in dem anderen Sessel Platz zu nehmen, der dem seinen gegenüber stand.
Amily setzte sich und blickte den Mann neugierig an. Dieser erwiderte ihren Blick freundlich und offen. Amily schätzte ihn auf zweiundzwanzig Jahre. Doch dann war ihr, als sei es unmöglich, sein wahres Alter zu schätzen.
„Ich freue mich, dass es dir wieder besser geht“, sagte der Mann leise. Amily sah ihn ein wenig erstaunt an, doch ihr Gegenüber lächelte nur leicht. Amily fiel auf, dass sich seine Lippen nur ein wenig verzogen, sodass man seine Zähne nicht sehen konnte.
„Du hast lange geschlafen.“
Der Satz kam Amily bekannt vor. Nach einigen Sekunden fiel ihr ein, dass der Satz auch in dem Brief gestanden hatte, den sie in der Truhe gefunden hatte.
„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte sie. Wieder lächelte der Mann sein seltsames Lächeln.
„Beinahe vierundzwanzig Stunden. Du warst sehr erschöpft durch deine Flucht durch den Wald, und durch den Blutverlust. Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Eine Weile sah es gar nicht gut um dich aus.“
Hat er deshalb an deinem Bett gesessen und dich beobachtet?, schoss es Amily durch den Kopf. Doch sie sprach es nicht aus. Vielleicht deshalb, weil sie sich vor der Antwort fürchtete.
„Wo bin ich hier?“, fragte sie stattdessen. Diese Frage war neben der, ob der Mann an ihrem Bett gesessen hatte, um ihren Schlaf zu überwachen, die wichtigste, die Amily einfiel. Sie wusste von keinem Ort in der Umgebung ihres Dorfes, wo Menschen lebten. Wo mochte sie sich hier nur befinden?
„Du bist auf meinem Schloss im Dunkelwald, etwa vierzig Meilen vom nächsten Dorf entfernt.“

Das Flackern der Kerze war die einzige Lichtquelle im Zimmer. Amily saß aufrecht in ihrem Bett, hatte die Bettdecke über ihre Knie gelegt und beobachtete das winzige Licht auf ihrem Nachttisch. Ab und zu flackerte das Licht nervös auf und ab, was daran lag, dass Amily das Fenster ein wenig geöffnet hatte, um frische Luft hereinzulassen.
Die junge Frau konnte nicht schlafen. Zu viele Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Viele Dinge, über die sie nachdenken musste. Zum einen der Gedanke, dass sie sich im Dunkelwald befinden sollte.
Schon als kleines Mädchen war ihr und den anderen Kinder ihres Dorfes beigebracht worden, dass der Dunkelwald kein Ort war, den man leichtsinnig betreten konnte. Er war weit und verwinkelt; die Bäume standen dicht, und ließen das Sonnenlicht nur an einigen wenigen Stellen hindurch, der Rest lag immer im Dunkeln.
Wilde Tiere lebten hier; Wölfe, Bären und Schakale; Vögel wie Falken, Bussarde und Adler suchten hier ihre Beute. Und noch andere Wesen, deren Namen selbst die Alten in ihrem Heim am wärmenden Feuer nicht aussprachen.
Ein lang gezogenes Heulen ertönte von draußen. Amily zuckte zusammen. Angstvoll saß sie in ihrem Bett und blickte mit weit aufgerissenen Augen zum Fenster. Das Heulen klang nahe; seit der Nacht draußen in der Kälte fürchtete sie sich vor diesen Tieren.
Nach einigen Sekunden verstummte das Heulen. Die Siebzehnjährige entspannte sich und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Rückseite des Bettes. Im Grunde war es albern, dass sie sich fürchtete. Sie befand sich in Sicherheit; auf dem Schloss eines Mannes, der auf Amily eine seltsame Art der Sicherheit ausübte.
Und damit wären sie bei dem zweiten Problem. Der seltsame Fremde, der hier draußen allein in einem Schloss lebte, von dem sie nicht einmal den Namen kannte, oder jemals zuvor von ihm gehört hatte.
Auf eine Amily nicht erklärbare Weise faszinierte er sie, ohne dass sie sagen konnte, worin diese Faszination bestand. Vielleicht würde er es herausfinden, wenn sie ihn eine längere Zeit lang beobachtete.
Ohne, dass sie es im Grunde wollte, hatte Amily sich auf eine längere Zeitspanne eingestellt, die sie im Schloss verbringen würde. Den Grund lieferte ihr ein Blick aus dem Fenster: es schneite stark, und das seit mehreren Stunden. Nicht mehr lange, und alles würde unter eine dicken Schicht begraben liegen.
Da sie nicht genau wusste, wo im Dunkelwald sie sich befand, würde die Suche nach einem Rückweg nur noch beschwerlicher werden. Womöglich verlief sie sich dann endgültig, und müsste Hungers sterben. Nein; es war besser, hier zu bleiben, und zu warten, bis der Weg wieder begehbar, und so der Weg in ihr Dorf wieder frei war.
Als das Heulen diesmal ertönte, war sie nicht vorbereitet. Es klang so nah, dass sie das Gefühl hatte, der Wolf stände genau unter ihrem Fenster und heule zu ihr empor. Zitternd vor Angst verkroch sie sich unter der Bettdecke und schloss die Augen.
Die Hand kam vollkommen unerwartet. Sanft strich sie über Amily’s Rücken; dabei sprach der Mann mit leiser Stimme beruhigend auf sie ein. Er schien sich neben ihren Körper auf das Bett gesetzt zu haben, denn die junge Frau konnte durch die Decke hindurch eines seiner Beine spüren.
Ganz plötzlich wurde Amily von der Angst überschwemmt; ihr Denken war vollkommen ausgeschaltet, da war nichts mehr in ihr, außer dem Drang, sich zu verstecken. Mit einem Schluchzen warf sie sich herum und verbarg ihr Gesicht an der Brust des neben ihr sitzenden Mannes.
Wäre Amily bei klarem Verstand gewesen, hätte sie wohl erwartet, dass ihr Gastgeber sie von sich stoßen und mit ihr schimpfen würde. Doch beides traf nicht ein. Im Gegenteil.
Der Mann legte vorsichtig seine Arme um das verschreckte Mädchen und begann, sie sanft hin und her zu wiegen. Dabei sprach er mit leiser, tröstender Stimme auf sie ein.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Amily. Die Wölfe können dir nichts antun. Hier, bei mir, kann dir nichts geschehen.“
Dann, mit sehnsüchtiger Stimme und noch leiser als zuvor: „Bleibe bei mir, Amily. Hier wird dein neues Zuhause sein. Ich werde dich behüten wie ein Vater, werde dich umsorgen wie ein Bruder, und dich lieben wie ein Ehemann. Erwidere die Zuneigung, die ich dir entgegenbringe, dann werden wir beide zusammen sein in aller Ewigkeit.“
Amily saß wie erstarrt, und wagte kaum zu atmen. Nach einer kleinen Weile legte der Mann sie vorsichtig wieder auf ihr Kissen zurück und deckte sie zu. Dann stand er auf und stellte sich an das Fenster.
Dort blieb er reglos stehen, Amily beobachtete ihn, solange, bis ihre Augenlieder schwer wurden, und sie in einen tiefen Schlaf hinab sank.

Doch selbst in ihren Träumen wurde sie nicht von ihren Ängsten verschont. Das Heulen klang näher und war diesmal noch lauter als zuvor. Amily jedoch hatte keine Furcht mehr vor den Wölfen. Sie stand auf und trat an das Fenster, um herunter zu sehen.
Trotz des immer noch heftigen Schneefalls konnte sie unter sich längliche, schwarze Schatten erkennen, die reglos standen und zu ihr hinaufsahen. Amily meinte, kleine, rote Augen zu sehen, die den Schnee durchbohrten und sie sahen, wie sie hier stand.
Amily zuckte zurück. Mit einer raschen Geste schloss sie das Fenster und wich zum Bett. Immer größer wurde ihre Angst vor den Wölfen, die zwar weit unter, dennoch nahe an ihrem Zimmer waren. Sie konnten ihr hier nichts tun, aber dennoch…
Rasch wandte sie sich um und öffnete die Tür. Barfuss ging sie durch die Gänge, bis sie zu der Bibliothek kam. Leise öffnete sie die Tür und schlüpfte durch den Spalt, den sie sofort wieder schloss. Mit dem Rücken lehnte sie sich gegen das Holz und atmete tief durch.
Erst jetzt bemerkte sie, dass sie in der Bluse und dem knöchellangen Rock, was sie immer noch trug, leicht zitterte. Dazu bebten ihr die Beine, sodass sie kaum noch stehen konnte. Taumelnd stieß sie sich von der Tür ab und ging langsam auf den Kamin zu, der kalt und voller weißer Asche war.
In der Mitte des Raumes stolperte sie, und fiel zu Boden. Wieder ertönte das Heulen der Wölfe, diesmal unter dem Fenster der Bibliothek. Amily zuckte abermals zusammen, und versuchte wieder aufzustehen, doch ihre Beine wollten sie nicht tragen.
Eine Hand legte sich unter ihre Arme und zog sie auf die Füße. Halb ging Amily, halb wurde sie getragen, auf die Sessel zu, die vor dem nun entfachten Kamin standen. Sanft wurde die Siebzehnjährige in einen davon hineingesetzt und mit einer Decke aus Wolle zugedeckt.
Der Mann setzte sich neben den Sessel auf den Boden mit dem Rücken zum Feuer, und beobachtete Amily, die wieder in Schlaf versunken war. Die Decke fiel über ihre Beine herab, und rutschte immer weiter nach vorne, bis die Schwerkraft sie auf den Boden zog.
Vorsichtig nahm der Mann die Decke auf, und machte Anstalten, sie Amily wieder umzulegen. Dann jedoch überlegte er es sich anders. Er hob die junge Frau hoch und trug sie auf seinen Armen durch die Gänge wieder in ihr Zimmer. Dort legte er sie auf ihr Bett und deckte sie sorgfältig zu.
Wieder ertönte das Geheul der Wölfe. Amily stöhnte im Schlaf leise auf und klammerte sich an die Hand des Mannes, der ihr beruhigend über das Gesicht gestrichen hatte. Dieser erkannte, dass er Amily in dieser Nacht nicht alleine lassen konnte. So ließ er seine Hand da, wo sie war, und legte sich vorsichtig neben das Mädchen auf das Bett.
Amily schien zu spüren, dass ihr jemand nahe war. Ihr Atem ging ruhiger, und langsam entspannten sich ihre Gesichtszüge. Vorsichtig zog der Mann seine Hand aus der ihren. Zu seinem Erstaunen leistete sie keinen Widerstand; als sie jedoch seine Hand nicht mehr spürte, zuckten ihre Hände tastend an seinem Hemd entlang und legten sich um seinen Hals.
Mit einem leisen Seufzer ließ der Mann es geschehen; ihm selbst war die Berührung ihrer bloßen Haut auf der seinen nicht unangenehm, im Gegenteil. Wenn er seinen Kopf ein wenig herunterbeugte, konnte er ihr Haar unter seinem Mund spüren; langsam atmete er ihren Geruch ein, der leicht nach Flieder duftete.
Als er seinen Kopf wieder hob, hob sie den ihren ebenfalls an, wie als wenn beide durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden wären. Der Mann konnte in ihr Gesicht sehen, das jetzt, im Schlaf, ruhig und nicht länger verschreckt aussah.
Wie er sie so ansah, begann sich in seiner Brust etwas zu regen, was lange im Verborgenen geblieben war. Zuletzt hatte er es verspürt, als er in der ersten Nacht an ihrem Bett niedergekniet und sie angesehen hatte. Er war ihrem Gesicht so nahe wie damals; auch heute betrachtete er es mit einer gewissen Sehnsucht.
Ihre Nasenflügel bebten bei jedem Atemzug leicht; ihre Lippen, rot wie eine erblühte Rose, waren geschlossen. Ihre Augen schienen sich hinter den Lidern leicht zu bewegen. Träumte sie etwa; einen Traum, der nur für sie bestimmt war?
Wie unter Zwang senkte der Mann seinen Mund auf Amily’s Stirn und küsste sie. Ein leiser Ton des Erstaunens drang über den Mund der jungen Frau. Im Schlaf glitten ihre Hände über den Hals des Mannes zurück auf sein weißes Hemd. Dort verweilten sie, auf dem Herzen, das begonnen hatte, schneller zu schlagen.
Leicht öffneten sich ihre Lippen, während Amily im Schlaf einen Namen flüsterte: „Benjamin.“
Der Mann zuckte leicht zusammen, dann jedoch begann er zu lächeln. Das war der Beweis, auf den er so lange, so viele Jahre, gewartet hatte. Dies war die Frau, die ihm helfen konnte, seine ewige Einsamkeit zu überwinden. Mit einer Gewissheit, dass es richtig war, was er tat, senkte er sein Gesicht und berührte ihre Lippen mit den seinen.
Es war ein langer, zärtlicher Kuss. Amily erwachte nicht, und als Benjamin seinen Mund von dem ihren nahm, legte sie ihren Kopf auf das Kissen zurück und fiel endgültig in die Welt des Traumes hinab.

Amily erwachte und schüttelte leicht den Kopf. Sie hatte einen verwirrenden und seltsamen Traum gehabt. Sie erhob sich und bemerke, dass sie in Bluse und Rock geschlafen hatte.
Nachdem sie sich gewaschen und sich die Haare gebürstet hatte, ging Amily in das Speisezimmer, in dem, wie am vorigen Tag, das Essen bereits für sie bereit stand. Danach begab sie sich in die Bibliothek.
Sie war allein. Das Knistern einiger, kleiner Flammen war das einzige Geräusch im Raum. Nach einem langen Blick auf die großen Bücherregale ging Amily durch das Zimmer zu dem Kamin.
Neben diesem stand ein Korb, in dem gespaltenes Holz lag. Amily griff nach einem Scheit und legte ihn in die immer kleiner werdenden Flammen, die sofort begannen, sich gierig in das trockene Holz zu fressen.
Eine Weile sah Amily dem zu, dann erhob sie sich und ging zu einem der Regale. Dort ließ sie ihren Blick über die verschiedenen Buchtitel gleiten. Einer der Titel hielt ihr Auge fest. Der Buchrücken war schwarz, und in blutroten Lettern stand darauf geschrieben: Vampyr.
Amily zog das Buch aus dem Regal und kehrte zum Kamin zurück, wo sie sich in einen Sessel setzte und das Buch aufschlug. Sie war erstaunt, als sie sah, dass der Text mit der Hand geschrieben worden war.

Von allen Geschöpfen, die auf dieser Welt wandeln, ist der Vampir (auch Vampyr genannt) die schrecklichste und wohl auch bemitleidenswerteste Kreatur. Durch den Biss eines anderen Vampirs dazu verurteilt, auf ewig zu leben, das Blut der Lebenden zu trinken, und niemals wieder den Schlaf finden zu können, wandelt der Vampir durch diese Welt, unerkannt zwischen den Menschen, zu einem Leben in ewiger Einsamkeit verdammt.
Das Leben eines Vampirs wird durch die Einsamkeit bestimmt. Allein wandelt er durch die Jahrhunderte, ohne jemals einen Gefährten zu haben, der seine Einsamkeit mit ihm teilt. Die Menschen fürchten ihn, da er ihnen unheimlich ist, und sie um ihr Leben fürchten. Sie sind der Meinung, dass der Vampir, sobald seinen Lippen das erste Mal Blut schmecken, dazu verflucht sind, nichts mehr zu fühlen.
Doch diese Ansicht ist falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall: wenn das Blut des ersten Opfers des Vampirs über dessen Lippen fließt, empfindet er, anders als die Menschen, Gefühle wie Hass, Trauer, Wut oder Liebe noch intensiver, als dass die Menschen es sich je vorstellen können.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, brachte Amily dazu, den Blick zu heben. In dem Sessel ihr gegenüber saß ihr Gastgeber, und sah sie schweigend an. In seinen Augen lag ein Blick, den die Siebzehnjährige nicht zu deuten vermochte.
Mit einem Mal fiel Amily ihr Traum ein, der seltsam, doch zugleich so real gewesen war. Fast meinte sie, wieder die Lippen, die weich und zugleich forschend gewesen waren, zu spüren, die auf den ihren lagen, und zu ihrem Hals hinunterwanderten…
Mit einem leichten Schütteln des Kopfes verscheuchte sie die Bilder, die in ihrem Kopf gewesen waren. Es war ein Traum gewesen, nichts weiter. Doch da war noch etwas. Sie hob den Kopf und sah den Mann – nein. Sie hob den Kopf und sah Benjamin an.
„Benjamin“, flüsterte sie, den Namen kostend wie eine Speise. Der Mann sah sie weiterhin an, doch nun lag in seinen Augen ein seltsames Funkeln der Freude.
„Dein Name ist Benjamin“, sagte Amily abermals. Der Mann nickte, zugleich wurde das Funkeln stärker. Er schien sich etwas zu erfreuen, was Amily nicht erkannte.
„Aber das ist unmöglich“, flüsterte die junge Frau. „Es war doch nur ein Traum. Oder etwa nicht?“, fragte sie dann, mit leiser Furcht in der Stimme. Sie wusste nicht, was sie tun konnte, wenn es kein Traum gewesen war. Ihr Verstand sträubte sich dagegen, die Konsequenzen einzusehen.
Benjamin antwortete nicht. Er saß nur da und sah sie mit seinen Augen an, die, wie Amily erkannte, dunkelbraun waren. Nach einiger Zeit wanderten seine Augen zu dem Buch, das Amily immer noch in den Händen hielt.
Eine kaum merkliche Veränderung ging in ihm vor. Etwas wie Wachsamkeit trat in seinen Blick, und er betrachtete die Siebzehnjährige vor sich mit neuem Interesse. Mehrere Minuten sah er sie so an, dann erhob er sich und wandte sich dem Kamin zu.
Amily erhob sich ebenfalls. Dabei fiel ihr Blick auf die Ecke zwischen dem Sessel, in dem sie gesessen hatte, und dem Kamin. Was sie dort sah, veranlasste sie dazu, einen raschen und zugleich verängstigten Blick zu Benjamin zu werfen.
Der bemerkte es nicht. Er stand mit dem Rücken zu den Sesseln, die Hände hatte er auf das Kaminssims gelegt. So stand er da und starrte in die Flammen.
Leise, um ihn nicht in seinen Gedanken zu stören, ging Amily rückwärts auf die Tür zu, den Blick immer noch verängstigt auf ihren Gastgeber gerichtet. Als sie die Tür erreicht hatte, die auf den Gang führte, drehte sie sich um und rannte auf ihr Zimmer.
Dort warf sie sich auf ihr Bett und versuchte verzweifelt, einen klaren Kopf zu bewahren. Doch das war geradezu unmöglich nachdem, was sie gesehen hatte. Amily wusste nun, dass ihr Traum kein Traum, sondern Realität gewesen war. Der Beweis dazu war die braune Wolldecke, die neben dem Sessel auf dem Boden gelegen hatte.
Benjamin hörte, dass Amily die Bibliothek verließ. Erst, als er ihre Schritte auf dem Gang nicht mehr hörte, drehte er sich um und griff nach dem Buch, das Amily auf dem Sessel liegen gelassen hatte.
Die Seite war noch aufgeschlagen. Langsam las Benjamin die Sätze in der Schrift, die seine eigene war, dann seufzte er leise. Er stellte das Buch wieder in das Bücherregal zurück, dann überlegte er, was er jetzt tun sollte.
Er beschloss, zu Amily zu gehen, und ihr die Wahrheit zu sagen, auch wenn das das Ende bedeuten konnte. Doch sie sollte selbst und aus freiem Willem entscheiden, was sie wollte. Langsam wandte er sich um und ging zur Tür, die auf den Gang und zu Amily’s Zimmer führte.


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Leises Klopfen brachte Amily dazu, den Kopf zu heben. Sie wusste, wer vor der Tür stand, und darauf wartete, eingelassen zu werden. Nach einer Minute öffnete sich die Tür, und Benjamin betrat das Zimmer.
Als er Amily’s Blick bemerkte, sah er sie fragend an. Diese nickte leicht und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie sah zu, wie Benjamin die Tür hinter sich schloss und sich dem Bett näherte. Doch dann hielt er inne.
Vielleicht hatte er Amily’s Blick bemerkt, vielleicht wollte er ihr auch nicht zu nahe treten. Anstatt sich auf das Bett zu setzten, ließ er sich auf der Truhe nieder.
Die Siebzehnjährige betrachtete ihn. Auf seinem Gesicht konnte sie eine leise Traurigkeit erkennen. Was mochte ihn bewegen, dass er mit diesem Ausdruck in den Augen zu ihr kam?
„Ich möchte mit dir sprechen. Gewisse Dinge müssen erzählt werden, damit du entscheiden kannst, was richtig für dich ist“, sagte Benjamin. Amily staunte. Seine Stimme klang so weich und bittend, dass es sie wieder an die letzt Nacht erinnerte.
„Was möchtest du mir sagen? Ich verspreche, dass ich zuhören werde, was du sagen möchtest.“ Amily war selbst ein wenig verblüfft über ihren Mut. Doch innerlich wusste sie, dass es richtig war, Benjamin anzuhören, was immer er auch zu sagen hatte.
Benjamin nickte leicht. Als er anfing zu sprechen, sah er der Siebzehnjährigen fest in die Augen.
„Ich habe kein Recht, es dir weiterhin zu verheimlichen. Ich werde dir meine Geschichte erzählen – nicht alles, nur das, was du wissen musst. Danach steht es dir frei, zu entscheiden, was du tust. Ich werde dich in deiner Entscheidung nicht aufhalten.“
Er schwieg eine Weile, dann holte er tief Luft und begann mit derselben Stimme wie letzte Nacht zu erzählen.
„In der Nacht, als ich dich vor meinem Schloss fand, war mir, als verändere sich mein gesamtes Leben. Nachdem die Wölfe tot oder verjagt waren, und ich dich dort im Schnee liegen sah, bleich von dem Blutverlust und halb erfroren, schwor ich mir, dich am Leben zu erhalten, und dich nicht sterben zu lassen.
So trug ich dich herein, stillte deine Blutung und wickelte dich in warme Decken, um dich vor dem Fieber zu bewahren. In der nächsten Nacht kam ich abermals zu dir, um nach dem Verband zu sehen, und um dich zu betrachten.
Vielleicht fragst du dich jetzt, warum ich zu dir kam, um dich im Schlaf zu betrachten“, meinte Benjamin. Er nickte.
„Die Frage ist berechtigt. Und ich werde sie dir gerne beantworten, damit du verstehst. Es war derselbe Grund, aus dem ich in der letzten Nacht in der Bibliothek war, dich dort fand und in dein Zimmer zurücktrug. Es war derselbe Grund, aus dem ich mich neben dich legte, und dich küsste.“
Amily zuckte zusammen. Soeben war der letzte Funken Hoffnung, die letzte Nacht könnte doch nur ein wirrer Traum gewesen sein, in ihr erloschen. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie hatte geschlafen, und zugleich seine Hand, seine Lippen gespürt, als sei sie wach gewesen.
Benjamin sah, wie verwirrt sie war. Er erhob sich und ging neben dem Bett auf die Knie.
„Erinnerst du dich an die Wölfe?“, fragte er. Amily nickte. Nach einiger Zeit wurde ihr klar, was er damit sagen wollte. Immer, wenn sie die Wölfe gehört hatte, war er bei ihr gewesen, um sie zu trösten. Warum hatte er das getan? Warum hatte er so großen Wert darauf gelegt, sie zu trösten?
Die Antwort kam schnell: um ihr nahe zu sein. Wieder meinte Amily, seine Lippen an ihrem Hals zu spüren.
Benjamin sah, wie sie kurz schauderte. Er musste sich überwinden, ihr alles zu erzählen. Doch das hatte er versprochen, außerdem wollte er, dass sie die Wahrheit wusste.
„Amily“, sagte er. Die junge Frau sah ihn an. Benjamin schluckte. Es war so schwer, das zu sagen, was er sagen wollte. Er fürchtete, dass sie ihn dann genauso fürchteten würde wie jeder andere, der von den Geschichten des Dunkelwaldes wusste.
„Amily“, sagte er noch einmal, diesmal mit leiser, traurig klingender Stimme. „Es gibt so viele Unterschiede zwischen uns. Die Menschen unten in deinem Dorf fürchten mich, und das mit Recht. Seit vier Jahren bin ich nun nicht mehr aus diesem Wald herausgekommen, und doch haben sie alle Angst vor mir.
Ich bin nicht wie ihr Menschen. Während ihr nachts in eure Häuser geht und euch schlafen legt, wandere ich durch die Gänge dieses Schlosses, unfähig, mich niederzulegen und die Augen zu schließen. Seit beinahe zweihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen.
Ich bin verflucht, keine feste Nahrung zu mir zu nehmen; des Nachts schleiche ich mich im Wald an Tiere heran und trinke ihr Blut, denn das ist das Einzige, was mich am Leben erhält. Doch immer, wenn ich das warme, rote Blut auf meinen Lippen spüre, überkommt mich Mitleid mit dem Wesen, das sterben musste, damit ich leben kann.
Verflucht bin ich, ewig durch diesen Wald zu wandern, denn ich kann nicht sterben, oder durch menschliche Hand getötet werden. Bei Sonnenlicht werden meine Bewegungen langsamer und meine Wachsamkeit lässt nach, doch die Strahlen töten mich nicht, wie es eure Geschichten sagen.
Eure Geschichtenerzähler haben mir auch einen Namen gegeben. Vampir nennen sie mich, und verfluchen mich in dem Glauben, ich würde Menschen töten, ihre Kinder rauben und ihr Vieh reißen. Deshalb verstecke ich mich hier oben, alleingelassen von der Welt und vor ihr verborgen.“
Benjamin wandte seinen Blick von Amily ab und blickte auf seine Hände. Er wollte sie nicht verunsichern, indem er sie ansah. Sie hatte nun eine Entscheidung zu treffen. Entweder sie ließ sich von den Geschichten, die sie gehört hatte, abschrecken, und verließ das Schloss und damit ihn.
Oder sie blieb. Doch das glaubte Benjamin nicht. Trauer überwältigte ihn, als er daran dachte, dass er bald wieder allein sein würde. Doch er blieb still und sah weiterhin auf seine Hände. Es war ihre eigene Entscheidung.
Amily saß ganz still da und blickte auf Benjamin, der mit gebeugtem Rücken dasaß und so unendlich traurig und alleingelassen aussah. Die Geschichte, die er ihr erzählt hatte, war so grauenhaft und unglaubwürdig gewesen, dass es sehr schwer fiel, sie zu glauben.
Doch wenn es stimmte und Benjamin ein Vampir war, befand Amily sich in Gefahr. Sie wusste, was Vampire mit ihren Opfern taten; sie saugten sie aus bis auf den letzten Tropfen Blut, den sie im Körper hatten.
Doch nichts dergleichen hatte Benjamin getan. Im Gegenteil; er hatte sie vor dem sicheren Tode bewahrt, und sie bei sich aufgenommen. Sprach das nicht für ihn? Nachdenklich sah sie aus dem Fenster.
Immer noch fiel der Schnee dicht. Amily glaubte nicht, dass sie vor der Schneeschmelze im Frühjahr sich zu ihrem Dorf durchkämpfen konnte, selbst, wenn draußen keine hungrigen Wölfe wären.
Entschlossen beugte Amily sich vor und legte ihre Hand auf Benjamins Unterarm. Erstaunt drehte er den Kopf in ihre Richtung. Auf seinem Gesicht lag ein Funke Hoffnung.
„Ich bleibe bei dir“, sagte Amily leise, aber mit fester Stimme. „Zumindest bis zur Schneeschmelze.“
Ein Lächeln legte sich auf Benjamins Gesicht. Er sah Amily mit seinen braunen Augen dankbar an und legte seine Hand auf die ihre. Er hatte ihre Worte gehört; die Schneeschmelze war noch weit. Bis dahin konnte viel geschehen.
Den ganzen Abend, und auch die Nacht über, blieb Benjamin bei Amily. Geduldig beantwortete er ihre Fragen über das Leben als Vampir und über sein Leben, das seit über zweihundert Jahren andauerte.
Erst gegen Morgen, als die ersten Streifen am Horizont den baldigen Sonnenaufgang ankündigten, legte Amily sich auf dem Kissen zurück und schlief ein. Benjamin blieb an ihrem Bett sitzen und wachte über ihren Schlaf.
Ein paar Stunden später wachte Amily auf und sah Benjamin so an ihrem Bett sitzen, wie er gesessen, als sie eingeschlafen war. Er schien sich nicht einmal bewegt zu haben. Im Schein der Sonnenstrahlen sah die Siebzehnjährige ihn an.
Sie meinte nun zum ersten Mal eine seltsame Art von Müdigkeit auf seinen Zügen zu sehen. Es war nicht die Müdigkeit, die jemanden überkommt, der einige Stunden zu wenig geschlafen, oder dem der Schlaf geraubt wurde; es war eine Müdigkeit, die die zwei Jahrhunderte einschloss, in denen der Mann seine Augen nicht geschlossen, seinen Gliedern keine Ruhe gegönnt hatte.
Benjamin lächelte, als er bemerkte, dass Amily wach war. Er nickte ihr kurz zu, dann verließ er diskret das Zimmer, damit sie sich umziehen konnte. Diesmal fiel Amily’s Wahl nach längerem Überlegen auf das weiße Kleid, das sie schon das erste Mal so bewunderte hatte.
Sie begab sich in das Speisezimmer, wo sie Benjamin antraf, der an der Tafel saß. Der Vampir leistete ihr beim Frühstück Gesellschaft, ohne selbst etwas anzurühren. Nach dem Essen gingen die beiden zusammen in die Bibliothek.
Während Amily sich in einen der Sessel setzte, ging Benjamin zu einem der Regale und kam kurz darauf mit dem schwarzen Buch zurück, in dem Amily über Vampire gelesen war. Er legte es der jungen Frau in den Schoß, und setzte sich ihr dann gegenüber.
„Schlag es auf“, sagte er. Amily zögerte.
„Es ist kein gewöhnliches Buch“, sagte sie zögernd. Der Vampir nickte.
„Du hast Recht. Es ist mein Notizbuch, in dem ich in den zweihundert Jahren alles über Vampire aufgeschrieben habe, was ich gelernt habe. Ich möchte, dass du es liest, um mich zu verstehen, um zu verstehen, was es heißt, ein Vampir zu sein.“
Nach längerem Zögern öffnete Amily das Buch und griff nach der ersten Seite. Die Sätze, die sie bereits gelesen hatte, sprangen ihr entgegen. Danach ging der Text noch weiter. Amily las:

Doch diese Ansicht ist falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall: wenn das Blut des ersten Opfers des Vampirs über dessen Lippen fließt, empfindet er, anders als die Menschen, Gefühle wie Hass, Trauer, Wut oder Liebe noch intensiver, als dass die Menschen es sich je vorstellen können.
Das wird dem Vampir zum Verhängnis. Sollte er jemals einen Menschen finden, der ihn versteht, ihn respektiert, so, wie er ist, und der lernt, ihn zu lieben, ist der Vampir zwar in der Lage, diese Liebe zu erwidern, doch ist das Opfer, was er bringen muss, groß.
Der Vampir ist zeugungsunfähig. Einem Mann, der zum Vampir wurde, wird der Kinderwunsch auf ewig verwehrt bleiben, selbst wenn er eine Frau findet, die ihn trotz seiner andersartigen Natur lieben lernt. Auch ist die Gefahr groß, dass die Frau, sollte sie ein Mensch, und nicht ebenfalls ein Vampir sein, durch das Ungestüm des Mannes stirbt, da dem Mann, und somit dem Vampir, der Wille und die Kraft, aufzuhören, beinahe immer verwehrt wird.
Und wenn dieser Fall eintritt, dass der Vampir in seinem Ungestüm die Frau, die er liebt, und die ihm vertraut, tötet, fällt der Schatten über ihm zusammen, und er versinkt in Melancholie, so schwer, dass er vergessen kann, Nahrung zu sich zu nehmen. In dem Fall stirbt der Vampir eines langen, qualvollen Todes.

Hier endeten die Eintragungen. Amily klappte das Buch zu und legte es vorsichtig beiseite. Dann beobachtete sie Benjamin. Er sah sie mit seinen braunen Augen lange an. Traurigkeit sprach daraus, doch gleichzeitig auch Hoffnung.
„Es muss furchtbar sein, jemanden zu lieben, wenn man genau weiß, dass man diese Liebe niemals verwirklichen kann, immer in der Gefahr, seine Liebste versehentlich zu töten“, sagte Amily leise. Sie empfand unendliches Mitleid mit Benjamin.
Der nickte langsam. „Das war mit einer der Gründe, warum ich mich hier versteckt habe. Um niemals der Versuchung zu unterliegen, eine Frau zu treffen, die mich lieben lernen könnte. Ich könnte es nicht ertragen, das einzige Wesen, was mich versteht und liebt, in ungewollter Absicht zu töten.“
Nach einer Weile stand er auf und setzte sich vor dem Kaminrost auf den Boden. Er starrte in die Flammen und schwieg. Auch Amily schwieg. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie wusste nicht, wie sie das, was sie in den Tagen ihres Aufenthalts hier erlebt hatte, verstehen sollte.
Sie wusste nun, dass Vampire Liebe empfinden, und auch geben konnten. Gleichzeitig hatte sie gerade gelesen, dass es leichtsinnig, ja, geradezu gefährlich war, sich auf eine Liebschaft mit einem Vampir einzulassen. Es konnte den Tod bedeuten.
Doch auf der anderen Seite war Benjamin. Ein Vampir, der sich in den vergangenen Tagen um sie gekümmert hatte, ohne sie auch nur zu berühren – sah man von der letzten Nacht einmal ab.
Aber selbst, als sie schlafend und somit wehrlos in seinen Armen gelegen hatte, war ihm nicht der Gedanke gekommen, sie zu beißen und ihr Blut zu saugen. Im Gegenteil; er hatte sie vor den Wölfen, ihrer Angst geschützt, und er hatte sie geküsst.
Niemals zuvor war sie von einem Mann so geküsst worden. Der Einzige, der sie einmal geküsst hatte, war ihr Vater gewesen, bevor er sich in den Dunkelwald begeben hatte, um Wölfe zu jagen. Er war nie wieder zurückgekommen.
Natürlich hatte sie mit ihren siebzehn Jahren in ihrem Dorf den einen oder anderen Verehrer gehabt, doch bis jetzt war sie noch nicht versprochen, war ihr Herz noch nicht vergeben. Sie hatte auf den Richtigen warten wollen.
Lange betrachtete sie Benjamin. Der schien ihren Blick nicht zu spüren, oder zumindest nicht erwidern zu wollen. Das Knistern der Flammen und das leise Rauschen des Windes draußen waren für lange Zeit die einzigen Geräusche in der Bibliothek.
Amily versuchte, einen Zusammenhang zwischen Benjamin und dem, was sie gelesen hatte, zu finden. Sie war sich sicher, dass ihr Gastgeber ihr sein Notizbuch nicht ohne Grund oder einen Hintergrundgedanken gegeben hatte. Doch was für ein Gedanke?
Sie kam nicht darauf. Vorsichtig ging sie neben Benjamin auf die Knie und sah ihn an. Der Feuerschein spiegelte sich auf seinem Gesicht und erzeugte einen flackernden Schemen der Gesichtskonturen. Es war seltsam bizarr, doch Amily fürchtete sich nicht länger vor dem Vampir.
Die Furcht war in dem Augenblick verschwunden, wo sie in Benjamins Notizbuch gelesen hatte. Sie war sich sicher, dass er ihr nichts tun würde. Er hätte sie verletzten, ja, sogar töten können, wenn er es gewollt hätte; ihre Verletzung und der Blutverlust in den ersten Tagen hätte sie wehrlos gemacht. Doch er hatte es nicht getan.
Stattdessen hatte er ihr sein dunkles Geheimnis anvertraut, in der Hoffnung, sie würde ihn verstehen und nicht fürchten wie alle anderen. Das war eingetreten. Amily fürchtete sich nicht vor diesem Mann, der kein Mensch war. Sie hatte Mitleid mit ihm, der auf ewig allein sein musste, ohne jemanden zu haben, der ihn liebte.
Amily berührte leicht eine von Benjamins Händen, die auf seinem Bein lag. Dabei dachte sie an verschiedene Dinge: an ihre eigenen Erfahrungen, das es bis zur Schneeschmelze noch eine lange Zeit war; an die Worte des Vampirs, er könne es nicht ertragen, die Frau, die er liebe, aus Versehen zu töten; an das, was sie in seinem Notizbuch gelesen hatte.
Der Vampir sah auf Amily’s Hand hinab und blickte dann auf, genau in die Augen der Siebzehnjährigen. Diese spürte, wie Benjamin seine Hand auf die ihre legte, und mit der anderen über ihr Gesicht strich. Wieder funkelten seine Augen.
„Ich kann nicht von dir verlangen, dass du bei mir bleibst. Warscheinlich fürchtest du mich; dann wäre es besser, du würdest das Schloss mit der Schneeschmelze verlassen, um dich nicht selbst unglücklich zu machen.“
Benjamins Stimme war leise, als er das sagte. Er wagte nicht, noch mehr zu sagen, aus Angst, seine Stimme möge versagen, und Amily so zeigen, wie verzweifelt ihn das machen würde. Er musste stark sein, um sie in ihrer Entscheidung nicht zu bedrängen.
Amily spürte, dass Benjamin ihr mit diesen Worten Aufschub mit ihrer Antwort gewährte. Sie solle sich alles genau überlegen, bevor sie ihr Urteil spräche. Doch die junge Frau musste nicht mehr überlegen. Ihre Entscheidung war längst gefallen. Vorsichtig nahm sie ihre Hand nach oben, und umfasste damit die des Vampirs, die immer noch auf ihrer Wange lag.
Mit leiser, jedoch deutlicher Stimme sagte sie: „Ich fürchte nicht, was du bist. Ich fürchte, dich zu verlassen, und so vielleicht Schuld an deinem Tod zu sein. So will ich bei dir bleiben, bis die Schneeschmelze vorüber ist. Was dann geschehen mag, liegt noch im Dunkeln.“
Sie konnte die Dankbarkeit sehen, die in Benjamins Augen lag, als er ihre Worte hörte. Es schien, als wolle er etwas sagen, doch dann strich er ihr nur sanft mit seiner Hand über das Gesicht.
Amily merkte, dass ihr Herz schneller zu schlagen begann. Sie versuchte zu begreifen, was da mit ihr geschah. War das das Gefühl, von dem ihre Mutter ihr so viele Male erzählt hatte; war das die Liebe, was sie spürte? Konnte es sein, dass sie Benjamin, einen Vampir, liebte?
Er konnte ihr bestimmt sagen, was ihre Gefühle bedeuteten. So nahm Amily all ihren Mut zusammen und fragte, indem sie Benjamin genau in die Augen sah: „Ich weiß nicht, was in mir vorgeht. Mein Herz schlägt so fest in meiner Brust, dass es wehtun muss; doch ich spüre den Schmerz nicht.
Immer, wenn ich dich ansehe, und du mit mir sprichst, beginne ich innerlich zu zittern; als ich gestern Abend in deinem Notizbuch las, und du mich anschautest, da…“, hier begannen ihre Lippen leicht zu zittern, „da habe ich deinen Kuss gespürt, den du mir in der Nacht gabst.
Du sagtest mir, dass es gefährlich, sogar töricht ist, einen Vampir zu lieben. Und doch, doch glaube ich, dass ich dich…“
Amily konnte nicht zu Ende sprechen. Plötzlich war Benjamin ihr so nahe, dass sie genau in seine Augen sah. Erst, als er vorsichtig einen Arm um sie legte und sie an sich zog, bemerkte Amily, dass er sie küsste.
Nachdem sie ihren ersten Schreck überwunden hatte, ließ die Siebzehnjährige sich fallen. Sie schloss ihre Augen und legte, wie bei seinem ersten Kuss, die Arme um seinen Hals. Das Gefühl, einen Mann zu küssen, war neuartig für sie; gleichzeitig wunderschön.
Es war ein langer Kuss, in dem Amily meinte, Benjamins Sehnsucht und Schmerz fühlen zu können. Als er sich vorsichtig aus ihrer Umarmung löste, wollte sie ihn fragen; wollte wissen, warum er seiner Sehnsucht nicht nachgab.
Doch gerade, als sie zum Sprechen ansetzte, legte Benjamin ihr einen Finger auf die Lippen und gebot ihr so zu schweigen. Auf ihren fragenden Blick schüttelte er nur den Kopf und wandte sein Gesicht dem Feuer zu.
Sprachlos blickte Amily ihn an. Sie verstand nicht, wollte nicht verstehen, warum er sich wieder zurückgezogen hatte. War nicht er es gewesen, der sie geküsst hatte? Was versuchte er vor ihr zu verbergen, was war es, was sie nicht wissen durfte?
Sie blickte in Benjamins Gesicht und versuchte, die Antwort darin zu finden. Verzweifelt bemerkte sie, dass sein Blick kalt und abweisend war. Was hatte sie getan? Wie hatte sie jemals annehmen können, ein Vampir sei in der Lage zu lieben?
Tränen rannen über Amily’s Gesicht und fielen auf den Boden, ihr Kleid und auf die Hand des Vampirs, die neben seinem Knie lag. Er bewegte sich nicht, als das Nass seine Haut berührte, doch in seinem Gesicht zuckte es.
Benjamin erschrak, als er merkte, dass Amily weinte. Das hatte er nicht gewollt. Verdammt, warum war es nur so schwer, sich zu erklären? Wie gerne hätte er das getan, doch er wusste die Worte nicht. Zweihundert Jahre der Einsamkeit, und nun konnte er das Mädchen, das er liebte, die junge Frau, die sie war, nicht festhalten.
Ein leises Rascheln neben ihm ließ sein Herz beinahe still stehen. Er wollte sich erheben, ihr nachgehen und ihr sagen, was sie ihm bedeutete, dass sie so viel mehr für ihn war als nur ein sterbliches Wesen. Doch er konnte sich nicht bewegen.
Benjamin schloss die Augen und horchte auf ihre Bewegungen, die sich immer mehr entfernten. Sie ging auf ihr Zimmer zurück. Langsam öffnetet er seine Augen wieder und sah auf seine Hand hinab, auf die die Träne gefallen war.
Eine Weile betrachtete er sie, dann hob er die Hand vorsichtig an, und saugte das winzige Stück salzigen Wassers mit den Lippen auf. Er meinte kurz, wieder ihre Augen zu sehen, blau wie das Meer, und den Ausdruck des Staunens auf ihrem Gesicht, als sie seinen Kuss gespürt hatte…
Nein! Er durfte nicht daran denken. Es zerriss ihm das Herz, denn er wusste, dass sie ihn verlassen würde, weil sie ihn fürchtete. Sie hatte immer Angst vor ihm verspürt, auch wenn sie sich einredete, sie verloren zu haben, nachdem sie in seinen Aufzeichnungen gelesen hatte.
Benjamin wusste es besser. Er hatte ihre Angst gespürt, selbst bei seinem Kuss war sie anwesend gewesen, wenn auch verdrängt von Staunen und dem Wunsch, ihre Liebe zu ihm erwidert zu sehen. Beinahe wäre ihr der Wunsch erfüllt worden.
Ein Schaudern überlief ihn, wenn er daran dachte, was geschehen wäre, wenn er sich nicht zusammengerissen und den Kuss aufgelöst hätte. Doch das konnte Amily nicht wissen. Obwohl sie in seinen Aufzeichnungen gelesen hatte, glaubte sie den Worten nicht.
Langsam erhob Benjamin sich und ging mit schweren Schritten aus der Bibliothek auf den Gang hinaus. Als er das Schlossportal öffnete, sah er, dass es immer noch schneite. Seltsamerweise erfüllte ihn der Schnee, nicht wie sonst, mit einem gewissen Glücksgefühl, nicht gesehen werden zu können.
Einen Moment lang erwachte der Gedanke in ihm, nicht auf die Jagd zu gehen; das Portal wieder zu schließen und in der Bibliothek zu sitzen, bis es vorbei wäre. Doch er tat es nicht; auch wenn er von allem Schmerz befreit wäre, wäre der Preis des langsamen Todes zu grausam, um ihn zu zahlen.
So trat er in den tosenden Schneefall hinaus und schloss das Portal hinter sich. Dann sah er zum Himmel. Die Sonne war verschwunden, der Himmel war finster. Kurz meinte er, hinter Amily’s Fenster etwas zu sehen, doch er war nicht sicher. Dann wandte er allem den Rücken und ging in den Wald hinein.


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Selbstvergessen stand Amily vor einem kleinen Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild. Benjamin hatte ihr den Spiegel, der an einem Nagel an der Wand hing, geschenkt, als er kurz nach ihrem Rückzug aus der Bibliothek zu ihr ins Zimmer gekommen war. Er hatte sich für sein Verhalten ihr gegenüber entschuldigt und sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme gebeten, sich nicht länger vor ihm zu fürchten.
Seitdem waren drei Wochen vergangen, und in diesen Wochen hatte sich sowohl der Vampir als auch Amily verändert.
Benjamin hatte der jungen Frau ihre Frage, ob das, was sie für ihn empfand, Liebe war, nicht beantwortet, doch mittlerweile glaubte Amily die Antwort auch so zu kennen. Immer, wenn sie miteinander sprachen, konnte sie Freude in Benjamins Augen sehen – und noch etwas anderes.
Ein kühler Lufthauch strich über ihre offenen Haare und ihre nackte Haut am Nacken, und ohne, dass Amily sich umdrehen musste, wusste sie, dass Benjamin ihr Zimmer betreten hatte. Als sie in den Spiegel sah, konnte sie die offene Tür sehen, die, wie von Geisterhand, wieder geschlossen wurde.
Es war Benjamin, der die Tür wieder schloss. Amily wusste es, auch wenn sie ihn im Spiegel nicht sehen konnte. Das hatte einen Grund: Vampire besaßen kein Spiegelbild. Das erste Mal, wie er so in ihr Zimmer gekommen war, und sie ihn nicht im Spiegel gesehen hatte, war Amily noch erschrocken gewesen, doch sie hatte sich schnell daran gewöhnt.
Eine Sache, an die sie sich nicht gewöhnt hatte, war seine Zärtlichkeit.
Als sie sich umwandte, saß Benjamin auf der Kante ihres Bettes und sah sie an. Stundenlang konnte er, so schien es Amily wenigstens, dasitzen und sie einfach nur ansehen. Seltsamerweise fühlte sie sich nicht unwohl oder gar bedroht dabei, sondern geborgen und auf eine seltsame Art angezogen.
Amily strich sich das Haar aus den Augen, dann setzte sie sich neben Benjamin. Der Vampir lächelte, hob die Hand und ließ seine Fingerspitzen sachte über das Gesicht der jungen Frau streichen. Amily schloss die Augen und ließ es geschehen. Sie wusste, dass es zwecklos war, sich gegen ihre Gefühle zu wehren.
Benjamin fuhr fort, ihr über das Gesicht zu streichen, vorsichtig, sodass es sich anfühlte, als strichen keine Finger, sondern Federn über ihre Wangen, Augenlieder und Lippen. Mit der anderen Hand bog er ihren Kopf ein wenig, und legte ihn auf seine Schulter.
Amily genoss das Gefühl der Nähe, das Benjamin ihr so gab. Ohne die Augen zu öffnen saß sie da und genoss die Zuneigung, die er ihr entgegen brachte. Die Angst vor dem Vampir hatte sie vollständig verloren.
Langsam öffnete sie die Augen und sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick mit einer Sanftheit, dass es ihr durch Mark und Bein ging. Gleichzeitig fand sie seine unausgesproche Frage darin.
Amily hob ihren Kopf an – und spürte gleichzeitig mit Benjamins Mund seine Hände, die über ihr Gesicht hinunter zu ihren Schultern strichen. Dort blieben sie liegen, während Benjamin sie weiter küsste, lange Küsse, die er ihr auf den Mund und die Stirn gab.
Lange verweilten sie so, bis Amily begann, Benjamins Küsse, wenn auch ein wenig zaghaft, zu erwidern. Es war nicht länger die Angst vor ihm, die sie so vorsichtig machte, sondern die Angst davor, was sie tat. Noch nie war sie von einem Mann so geliebt worden. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.
Benjamin bemerkte das. Innerlich versuchte er sich dazu zu zwingen, aufzuhören, den Kuss aufzulösen. Denn er wusste, was mit ihm geschehen konnte, was mit Amily geschehen würde, wenn er sich nicht beherrschte.
Beinahe hätte er es geschafft. Doch als er den Kuss auflöste, blickte er geradewegs in Amily’s Augen, die so blau wie das Meer waren. Und etwas in diesen Augen war es, was Benjamin dazu zwang, sie wieder zu küssen, auch wenn sein Verstand, sein Herz dagegen protestierten.
Den Drang, den er spürte, erschreckte ihn; wusste er doch, dass es der Vampir in ihm war, der nach Blut dürstete, nach Amily’s Blut. Und dass dieses Monstrum in ihm, war es einmal geweckt, erst Ruhe gab, wenn er seine Gier gestillt hatte.
Benjamin sah die Siebzehnjährige so nahe vor sich; er umarmte und zog sie eng an sich – als wenn er sie dadurch würde schützen können. Er war ein Narr! Allein durch diese Bewegung hatte er sie in Gefahr gebracht. Er wusste, dass sie sich nicht wehren würde.
Überwältigt von den Gefühlen, die durch sein Bewusstsein zogen, schloss er die Augen. Liebe zu Amily, Verlangen nach ihrem Blut, und die Furcht, sie zu töten; das war nur wenig von dem, was ihn innerhalb weniger Sekunden von all den Empfindungen erreichte.
Ein Geruch strömte zu ihm, der ihn alles andere vergessen ließ. Langsam folgte er dem Duft mit der Nase, bis sein Mund auf Amily’s Haar stieß. Vorsichtig ließ er seine Lippen abwärts gleiten, über ihre Wange, ihren Mund streifend, bis er an ihren Hals gelangte. Dort verweilte er, sein Herz bebend vor Verlangen und Angst.
Amily verspürte den Mund des Vampirs an ihrem Hals nicht; ihre Aufmerksamkeit war auf seine Hände gerichtet, die immer noch über ihre Schultern und ihre Arme strichen, über das Kleid, was ihre Arme bedeckte, jedoch nicht mehr ihre Schultern.
Plötzlich war da ein Schmerz, der schneidender und schlimmer war als alles, was die junge Frau je in ihrem Leben verspürt hatte. Sie wollte schreien, doch ihre Stimme schien verschwunden. Sie brachte keinen Ton heraus, nur ein leises Wimmern.
Dieser Laut drang durch den dichten Nebel, der sich um Benjamins Bewusstsein gelegt hatte. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was er da tat. Sein Herz pochte immer schneller in seiner Brust, denn er bekam keine Luft mehr.
Der Kampf war furchtbar. Seine Lungen verlangten nach Luft, doch dazu müsste er schlucken, müsste das Blut, Amily’s Blut, das seine Lippen benetzte, trinken. Und das war es, wogegen er sich mit aller Macht wehrte. Er wusste: würde er nur einen Tropfen des Blutes in seinem Hals schmecken, wäre er dazu verdammt, immer weiter zu trinken, und das wäre Amily’s Tod.
Alle seine Muskeln spannten sich an, als Benjamin, immer noch mit geschlossenen Augen, zuerst in Gedanken, begann, sich von Amily loszureißen. Er durchlebte Höllenqualen. Die Atemnot wurde immer schlimmer, ließ dunkle und helle Punkte vor seinen Augen tanzen.
Der Vampir war einer Ohnmacht nahe, als er sich mit einem Schrei vom Körper der Siebzehnjährigen löste. Sein Kopf schnellte zurück, seine Lippen voll Blut, ihrem Blut; in seinen Augen stand unendlicher Schmerz.
Amily wurde durch die Kraft seiner Arme zurück auf das Bett geschleudert. Sie fiel auf den Rücken, wimmernd, und presste sich eine Hand an ihren Hals, von wo der unerträgliche Schmerz kam, der glühende Pfeile durch ihren Körper sendete.
Mit brennenden Augen sah sie zu Benjamin, der schwer atmend auf der Bettkante saß und immer noch gegen den Drag in ihm kämpfte, sich abermals auf das Mädchen zu stürzen. Seine Kehle schien aus Flammen, seine Lippen aus glühenden Kohlen zu bestehen.
Wie hypnotisiert starrte der Vampir auf die Hand des Mädchens, die sich auf ihren Hals presste. Zwischen den Fingern lief ein dünner Blutsfaden hindurch und tropfte auf das Bettlaken. Wieder regte sich der Dämon in ihm, doch bevor er Macht über sein Handeln erreichen konnte, erhob Benjamin sich und verließ, ohne Amily noch einen Blick zuzuwerfen, das Zimmer.
Der Schmerz ließ nur langsam nach. Nach mehreren Stunden, so kam es Amily vor, konnte sie sich endlich erheben und zu dem Spiegel taumeln. Was sie dort sah, ließ sie beinahe ohnmächtig werden.
Ihre linke Halshälfte war blutbefleckt; der rote Saft rann ihre Kehle hinab und tropfte auf das Kleid und ihre nackte Schulter. Trotz des vielen Blutes meinte Amily, an ihrem Hals, genau über der Halsschlagader, zwei winzige Punkte zu sehen.
Plötzlich kam Amily die Erkenntnis; es traf sie wie ein Keulenschlag. Benjamin hatte sie gebissen und ihr Blut getrunken!
Fassungslos starrte sie in den Spiegel und hob ihre Hand an die Wunde. Blut klebte an ihren Fingern, als sie sich diese vor die Augen hielt. Ein Schluchzen entstieg ihrer Kehle. Tränen traten in ihre Augen, und verschlechterten ihre Sicht.
Amily tastete sich zurück zu ihrem Bett, warf sich bäuchlings darauf und verbarg das Gesicht in den Armen. Dann weinte sie. In diesem Moment wünschte sie sich, sie wäre in der Nacht vor dem Schlosstor gestorben.
Was nur hatte Benjamin ihr da angetan? Hatte sie sich die ganze Zeit über getäuscht; liebte er sie gar nicht? Hatte er es die ganze Zeit über nur auf ihr Blut abgesehen? Hatte er sie deswegen vor den Wölfen gerettet?
Alles Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Und der, der ihr die Fragen beantworten konnte… Benjamin! Allein, als sie an ihn dachte, fing Amily wieder an zu weinen. War sie von ihm betrogen worden?
Ihr Herz meinte, bei diesem Gedanken zu brechen. Endlich, nach so vielen Jahren, nach dem Verschwinden ihres Vaters, hatte sie jemanden gefunden, bei dem sie sich geborgen und sicher fühlte; der ihr das Gefühl gab, begehrt zu werden. Lange Zeit war sie der Ansicht gewesen, dass Benjamin ihre Gefühle teilte.
Das Blut an ihren Hals, sein schmerzhafter Biss… Hatte er sie wirklich töten wollen? Oder konnte es sein, dass sie alles falsch interpretierte, dass Benjamin gar nicht vorgehabt hatte, sie zu töten, sondern…
Ich könnte es nicht ertragen, das einzige Wesen, was mich versteht und liebt, in ungewollter Absicht zu töten.
Benjamins Worte. Was, wenn er gar nicht vorgehabt hatte, sie zu töten, sondern sie zu gleichfalls in einen Vampir zu verwandeln? Amily’s Herz zitterte bei dem Gedanken. Sie glaubte nicht, dass sie das wollte. Sie liebte Benjamin, trotz seiner andersartigen Natur, aber sein dunkles Schicksal zu teilen, ewig zu leben…
Irgendwann schlief sie ein, die Trauer stand der Siebzehnjährigen immer noch im Gesicht geschrieben. Der Schlaf hatte sich ihrer gänzlich ermächtigt, als die Tür leise geöffnet wurde. Benjamin kam herein, leise, um Amily nicht zu wecken.
Lange Zeit stand er da und betrachtete sie. Selbst im Schlaf sah sie wunderschön aus. Ihre blonden, offenen Haare fielen über ihre Schultern und bedeckten ihr Gesicht. Benjamin ging neben ihrem Bett auf die Knie und strich ihr vorsichtig mit der Hand über ihre Wangen.
Dabei bemerkte er die Tränen, die noch an ihrer Haut hafteten. Er wusste, warum sie geweint hatte. Er wusste um ihre Qual, und konnte sie doch nicht ungeschehen machen. Benjamin strich ihr Gesicht hinab zu ihrem Hals. Sachte drehte er den Kopf des Mädchens zur Seite und legte ihre Bissmale frei.
Mit seinen Fingerspitzen strich er über die zwei winzigen Punkte. Amily war gekennzeichnet, für den Rest ihres Lebens. Das hatte er nicht gewollt. Er hatte sich nicht beherrschen können, und somit ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Das durfte nie wieder geschehen.
Benjamin wusste, es wäre das Beste, wenn Amily mit der einsetzenden Schneeschmelze wieder nach Hause zurückkehrte. Das war der einzige Weg, um zu verhindern, was beinahe diese Nacht geschehen wäre.
Doch nur bei dem Gedanken daran, dass er Amily auf diese Weise verlieren würde, zog sich sein Herz vor Schmerz zusammen. Der Vampir wusste, dass dieser Weg das Beste wäre; er wusste aber auch, dass er Amily’s Rückkehr zu ihrer Mutter nicht überleben würde. Er würde sterben, wie jemand, dem das Herz aus der Brust gezogen würde.
Wie gerne hätte er Amily all das, was er in den Stunden, in denen er an ihrem Bett saß, dachte, gesagt, damit sie ihn verstünde und bei ihm bliebe. Doch er wusste, dass er niemals auch nur ein Wort erzählen würde.
Er würde schweigen, und warscheinlich damit seine Einsamkeit besiegeln. Denn nachdem, was geschehen war, würde Amily ihn abermals fürchten, nicht wegen seiner Andersartigkeit; wegen der Angst, die in ihrer Brust sitzen und an ihr nagen würde, wenn er sich ihr näherte.
Benjamin erhob sich und ging in Richtung Tür, überlegte es sich dann jedoch anders. Er ließ sich neben der Tür auf den Boden sinken, mit dem Rücken an der Wand, und starrte aus dem Fenster.
Lange saß er so da, wie lange, wusste er nicht, und dachte über seine Einsamkeit nach. Ein Wimmern schreckte ihn aus seinen Überlegungen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch kündete ein schmaler Streifen ihren Aufgang an. Ein zweites Wimmern und ein leiser Schrei holten Benjamin auf seine Füße und an Amily’s Bett.
Die Siebzehnjährige warf sich unruhig hin und her, immer wieder kamen in unregelmäßigen Abständen leise Schreie über ihre Lippen. Ihre Augenlieder zuckten, ihre Arme und Beine bewegten sich unter der Decke, wie von Fäden gezogen, krampfhaft hin und her.
Benjamin wusste, dass sie träumte. Hilflos stand er neben dem Bett und sah auf das Mädchen hinab, das immer unruhiger wurde. Er wusste nicht, was er tun sollte. Weckte er sie, lief er Gefahr, dass sie vor ihm zurückschreckte. Tat er nichts und ließ sie weiterschlafen, konnte sie aus dem Bett fallen und sich am Kopf verletzten, wenn sie zu hart auf dem Boden aufschlug.
Amily wurde immer unruhiger. Sie rief jemandem beim Namen, warscheinlich ihre Mutter, und dabei wurde ihre Stimme so hoch, dass es Benjamin durch Mark und Bein ging. Plötzlich bäumte ihr Körper sich auf und neigte sich gleichzeitig gefährlich zur Seite. Ohne zu überlegen, was er tat, griff Benjamin zu.
Er fasste die junge Frau an den Schultern und drückte sie auf das Bett zurück. Dort hielt er sie fest, als weitere Krämpfe ihre Glieder zucken ließ, und sprach mit beruhigender Stimme auf sie ein. Der Vampir wusste, dass Amily ihn nicht verstehen konnte, doch seine Stimme würde – das hoffte er zumindest – sie wieder zu Bewusstsein bringen.
Nach und nach beruhigte der Körper der Siebzehnjährigen sich. Die Krämpfe ließen nach und ihre Glieder legten sich wieder ruhig auf das Laken. Behutsam bettete Benjamin Amily’s Kopf, den er sachte festgehalten hatte, wieder auf das Kissen zurück, und deckte sie sorgfältig zu.
Amily’s Atem ging wieder ruhig und gleichmäßig. Als er sicher war, dass das Mädchen wirklich schlief, verließ Benjamin nach einem letzten Blick auf ihr schlafendes Gesicht das Zimmer.
Er begab sich in die Bibliothek, wo er sich in einen der Sessel setzte und den Kopf an die gepolsterte Stütze lehnte. So sitzend, schloss er die Augen und versuchte, seinen Geist von allem zu befreien.
Vampire konnten nicht schlafen, doch wenn sie an nichts dachten, konnten sie sich, wenn auch nur für kurze Zeit, in eine Art Dämmerzustand versetzten. Das ersetzte den Schlaf nicht, doch auch so konnten sie sich ausruhen und ihren Kopf von überflüssigem leeren.
So ruhte Benjamin eine Zeitlang, bis die Sonne aufging. Die ersten Strahlen fielen über die Spitzen des Berges und sandten glühende Strahlen in die Bibliothek. Einer der Strahlen fiel auf das Gesicht des Vampirs, und weckte ihn so auf.
Rasch hob er die Hand, um seine Augen vor dem hellen Licht zu schützen, dann erhob er sich. Er wandte sich dem Kamin zu, in dem noch die Asche der vergangenen Nacht lag. Gedankenverloren blickte er auf das Häufchen grauen Staubs, als er seinen Namen hörte.
„Benjamin!“
Der Vampir hob den Kopf, dann drehte er sich um. Hinter ihm war niemand. Aber er hatte doch…
„Benjamin! Hilf mir!“
Da war sie wieder. Amily’s Stimme. Benjamin ging schnellen Schrittes aus der Bibliothek hinaus; auf dem Flur begann er zu rennen. Mit einem Stoß öffnete er die Zimmertür und trat mit zwei Schritten an das Bett.
Amily saß aufrecht, die Bettdecke war auf den Boden gefallen. Einen Moment dachte Benjamin, sie würde ihn ansehen, doch dann sah er, dass Amily’s Augen geschlossen waren. Sie schlief immer noch, doch gleichzeitig schien sie wach.
Der Vampir trat an das Bett und streckte vorsichtig seine Hand nach ihr aus. Er wollte sie nicht erschrecken, sie nur beruhigen und aus ihren Träumen hervorholen. Benjamin setzte sich auf die Bettkante und berührte Amily sachte an der Schulter. In dem Moment, wo seine Hand sich auf ihre Schulter legte, wachte sie auf.
Amily sah sich um, einen erstaunten und zugleich verängstigten Ausdruck in den Augen. Als sie Benjamin sah, wurde der Blick flehend. Sie griff nach seiner Hand, die noch auf ihrer Schulter lag und hielt sie so fest, dass Benjamin kurz zusammenzuckte.
„Hilf mir!“, flüsterte sie. „Hilf mir, Benjamin!“ Dann begann sie zu weinen.
Benjamin zögerte keine Sekunde. Er rutschte noch ein Stück auf das Bett, um nicht aus Versehen hinterrücks herunterzufallen, und zog Amily sanft an sich. Ihren Kopf barg er an seiner Schulter, ihren zuckenden Körper, der von ihren Schluchzern geschüttelt wurde, nahm er in seine Arme.
Die Tränen liefen aus Amily’s geschlossenen Augen und tropften auf das weiße Hemd des Vampirs, während die Siebzehnjährige die Lippen aufeinander presste, um nicht mehr zu schluchzen. Mit ihren Händen drückte sie gegen Benjamins Brust, als versuche sie, zu dem ruhig schlagenden Herzen zu gelangen.
Doch auch das Schlagen des Herzens in seiner Brust ließ Amily den Schrecken nicht vergessen, den sie gesehen hatte. Die Bilder waren so real gewesen, dass sie jeden Moment befürchtete, Benjamin könne leblos zusammenbrechen.
Bei diesem Gedanken schlang Amily die Arme um den Hals des Vampirs, entschlossen, ihn nicht loszulassen, und so vor dem Tod zu beschützen.
Benjamin bemerkte die Angst, die Amily hatte. Behutsam versuchte er, sich aus ihrem Klammergriff zu befreien, doch ihr Griff war zu fest. Nach mehreren vergeblichen Versuchen legte er dem Mädchen eine Hand auf den Rücken und griff mit der anderen Hand nach den ihren.
„Amily“, sagte er leise, doch bestimmt. „Amily, du kannst mich loslassen. Ich kann dir nicht helfen, wenn du mich festhältst.“
Langsam löste sich der Griff der Siebzehnjährigen. Sachte griff Benjamin nach ihren Händen und nestelte sie von seinem Hemd los, das sie wieder umklammert hatte, als fürchte sie, er werde sich in Luft auflösen, wenn sie keinen Hautkontakt zu ihm mehr habe.
Benjamin legte eine Hand unter ihr Kinn und hob es vorsichtig an, bis er ihr in die Augen sehen konnte. Angst blickte ihm entgegen, Angst und pure Verzweiflung.
„Wobei soll ich dir helfen, Amily?“, fragte der Vampir. „Sag es mir.“
„Du darfst nicht fortgehen.“ Die Stimme des Mädchens war so leise, dass Benjamin sich anstrengen musste, um sie zu verstehen. „Bitte, geh nicht fort.“
„Ich gehe nicht fort, Amily. Ich bleibe hier, bei dir“, versuchte der Vampir sie zu beruhigen, doch Amily schien die Bedeutung seiner Worte, oder die Worte selbst, nicht zu verstehen. Sie legte den Kopf an seine Brust und begann abermals, leise Tränen zu weinen.
„Geh nicht fort, Benjamin. Verlass mich nicht“, flüsterte Amily immer wieder an seiner Schulter. Erst nach mehrmaligem Zureden und unter Zuhilfenahme seiner Hände, mit denen Benjamin über ihren Rücken und ihr Gesicht strich, erzählte Amily stockend, wovor sie sich fürchtete.
„Ich war unten in der Bibliothek, und da…, da habe ich dich gesehen, wie du…“ Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht wieder an Benjamins Schulter, doch der Vampir hob ihren Kopf abermals hoch, um ihr in die Augen zu sehen.
„Was hast du gesehen?“
Amily liefen Tränen über die Wangen. Ihre Brust hob und senkte sich heftig unter dem Nachthemd, was sie trug; es sah aus, als bekäme sie keine Luft mehr.
Schließlich würgte sie hervor: „Ich sah dich unten in der Bibliothek liegen, kalt und bleich. Du warst tot!“
Die letzten Worte gingen fast in Schluchzern unter. Amily warf sich nach vorne, an Benjamins Brust. Der verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten auf das Bett. So lag er da, wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte, und hielt Amily fest, die in seinen Armen lag und weinte.


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Benjamin stand an Amily’s Zimmerfenster und starrte in das Schneegestöber. Letzte Nacht hatte es abermals begonnen zu schneien, und bereits jetzt, acht Stunden später, lag der Schnee wieder so hoch wie vor der Zeit der Schneeschmelze. Und das hieß, dass der Weg in Amily’s Dorf wieder versperrt war. Benjamin jedoch wusste, dass es lange dauern konnte, bis die junge Frau wieder nach Hause zurückkehren konnte.
Er drehte sich um und trat an das Bett, in dem sie lag. Amily schlief; ihr Gesicht war blass, und auf ihrer Stirn bildeten sich Schweißperlen. Als Benjamin die winzigen Perlen von ihrer Stirn wischte, merkte er, wie heiß sie war.
Sorge spiegelte sich in seinem Gesicht. Das Fieber, was sie in der Nacht, in der sie den Traum von seinem Tod hatte, bekommen hatte, war immer noch nicht zurückgegangen. Und der Vampir wusste nicht mehr, was er tun konnte, um es zu lindern.
Er hatte alles versucht: heiße und kalte Tücher, die er ihr um die Waden gelegt hatte, nasse Tücher, die ihre Stirn kühlten; er hatte Amily in Decken eingewickelt, in der Hoffnung, sie würde das Fieber ausschwitzen…
Keiner seiner Versuche war erfolgreich gewesen. Immer, wenn er voller Freude gewesen war, dass die Temperatur des Mädchens um einige Grad zurückgegangen war, waren sie über Nacht weiter gestiegen, und am Tag danach war sie noch kränker gewesen.
Das Schlimmste aber waren Amily’s Fieberträume, die sie jede Nacht bekam, und die dem Mädchen alle Kraft aussaugten. Benjamin, der gegen diese Träume machtlos war, konnte nichts anderes tun, als bei ihr zu sitzen und sie festzuhalten, wenn der Schrecken allzu schlimm wurde.
Doch immer, wenn Amily des Nachts schreiend und fiebernd erwachte, und den Namen ihrer Eltern rief; wenn Benjamin sie umarmte, leise mit ihr sprach, ihr sagte, alles sei gut und sie solle weiterschlafen, immer schnitt sich etwas in das Herz des Vampirs, wenn Amily ihren Vater oder ihre Mutter rief und sie um Hilfe anflehte.
Da war ein Gedanke, der sich in Benjamins Gedanken geschlichen hatte wie ein tödliches Gift; die Gewissheit, dass Amily nicht wieder gesund werden würde. Das Fieber zehrte an ihrer Kraft. Ihr Körper war stark genug, sich zu wehren, doch tat er es nicht. Der Grund war ihre Einsamkeit.
Sie vermisste ihre Eltern. Und er, Benjamin, stand vor einer so schweren Entscheidung, dass es ihm das Herz zerreißen wollte. Er konnte Amily’s Mutter oder Vater hierher auf sein Schloss holen, und darauf hoffen, dass ihre Anwesenheit Amily dazu brachte, gesund zu werden.
Doch das würde auch ihre Entscheidung besiegeln. Sie würde ihn mit verlassen, und damit sein Herz endgültig brechen. Doch es gab auch einen anderen Weg. Benjamin konnte Amily hier behalten, und sie allein weiterpflegen. Aber sein Herz, sein Verstand sagte ihm, dass die Siebzehnjährige dann sterben würde.
Noch einmal sah der Vampir auf Amily hinab. Wie sie dalag, so blass und still, versetzte Benjamin in eine so große Traurigkeit, dass eine Träne über seine Wange rollte und auf ihre heiße Stirn fiel.
Mit einem Mal fasste er seinen Entschluss. Benjamin beugte sich vor und küsste Amily auf die fieberheiße Stirn und auf den Mund. Nachdem er sie noch einmal richtig zugedeckt hatte, verließ er das Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich. Mit schnellen Schritten ging er den Gang hinunter bis zum Schlossportal.
Das öffnete er und starrte in das Schneegestöber. Eisiger Wind wehte herein und blies durch sein kurzes Haar und seine Kleider. Doch er spürte die Kälte nicht. Er dachte nur an Amily, die in ihrem Zimmer lag, und deren einzige Hoffnung das war, was er nun tun würde. Benjamin trat hinaus in den heraufziehenden Sturm und zog das Portal hinter sich zu.
Der Schäferhund, der vor dem Haus angebunden war, schlug in dem Moment an, in dem Frank den Wasserkessel auf das Feuer setzte. Stirnrunzelnd blickte der achtunddreißigjährige aus dem Fenster. Welches Wesen würde es wagen, bei einem solchen Sturm einen Fuß vor die Tür zu setzen?
Ein Klopfen riss ihn aus seiner Trance. Er hastete zur Tür. Wer immer dort draußen stand, niemand sollte bei diesem Wetter lange warten müssen. Der Hund heulte immer noch. Frank öffnete die Tür.
Vor ihm stand ein Mann in einer schwarzen Hose, schwarzen Stiefeln und einem weißem Hemd. Er hatte sich einen schwarzen Reiseumhang um die Schultern geworfen, zum Schutz gegen die Kälte. Er nickte, als Frank ihn ansah.
„Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Benjamin. Ich habe Auskünfte für Sie über den Aufenthaltsort ihrer Tochter Amily.“
Frank blieb beinahe das Herz stehen, als er den Namen seiner Tochter hörte. Hinter ihm vernahm er einen leisen Aufschrei, der von seiner Frau Lisa kam.
„Bitte, kommen Sie doch herein und erzählen Sie. Wie geht es Amily? Wo ist sie jetzt?“
Frank trat zur Seite, um Benjamin einzulassen, doch der schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück.
„Ich muss Sie bitten, sofort mit mir zu kommen. Amily ist krank. Sie verlangt nach Ihnen.“
Frank überlegte nicht lange. Er schlüpfte in seine pelzgefütterten Stiefel, warf sich seinen wärmsten Mantel über und streifte warme Fäustlinge über. Nachdem er Lisa erklärt hatte, wohin er ging, trat er zusammen mit Benjamin in den Sturm hinaus.
Als Frank sah, dass Benjamin seine Schritte in Richtung Wald lenkte, zögerte er. Er wusste, welche Gefahren im Dunkelwald lauerten. Er selbst war gerade erst mit knapper Not den Fängen des finsteren Waldes entkommen, der ihn mehrere Jahre lang hatte herumirren lassen.
Der Vampir bemerkte das Zögern. Er drehte sich um und sagte mit beinahe beschwörender Stimme: „Bitte, das ist der einzige Weg, der Sie zu Ihrer Tochter führt. Sie ist bei mir auf dem Schloss in Sicherheit, aber das Fieber ist hoch. Besiegen Sie Ihre Angst, tun Sie es für Amily!“
Frank nickte und folgte dem Vampir in den Schatten der mächtigen Bäume. Stundenlang, so schien es Amily’s Vater, kämpften die beiden sich durch den teilweise wadenhohen Schnee vorwärts. Einmal meinte Frank, vor sich längliche Schatten zu sehen. Wölfe, dachte er panisch.
Doch die Tiere näherten sich nicht, und bald darauf tauchte vor ihm aus dem Sturm, so plötzlich wie hingezaubert, ein verschlossenes Portal und graue Mauern vor ihm auf. Benjamin schloss auf und ging voran, durch die Gänge, an dem Speisezimmer und der Bibliothek vorbei, bis er zu dem Zimmer kam, in dem Amily lag.
„Hier ist es“, sagte er über die Schulter. „Hier ist Ihre Tochter.“
Frank ging an ihm vorbei, und öffnete die Zimmertür. Mit einem Schrei sprang er neben das Bett und fasste nach der Hand seiner Tochter. „Amily!“
Benjamin stand in der geöffneten Tür und sah zu, wie der Vater seine Tochter mit Freudentränen in den Augen ansah. Dann fasste er ihr an die Stirn, und sein Gesicht verdüsterte sich.
„Wie lange währt das Fieber schon?“, fragte er mit leiser Stimme.
„Acht Tage“, antwortete Benjamin. „Ich habe alles versucht, es zu senken, aber es hat nicht geholfen. Ich hoffe, jetzt wird es besser, da Sie da sind.“
Frank nickte. „Ich dachte, ich hätte sie verloren. Vor einem Monat kam ich nach Hause und erfuhr von meiner Frau, dass meine Tochter, mein einziges Kind, im Dunkelwald verschollen sei. Können Sie sich mein Entsetzen, meine Angst vorstellen? Oh Gott, meine Amily! Ich kann gar nicht glauben, dass ich sie wieder habe!“
„Es liegt alles bereit, was Sie brauchen“, sagte Benjamin, und wies mit einer Hand auf die Truhe. Dann wandte er sich um und ging davon. In der Bibliothek setzte er sich in einen der Sessel und starrte in die Flammen, die er wieder entfacht hatte. Er hatte alles getan, was er konnte. Jetzt hieß es warten.
Als er aus seinem Dämmerzustand erwachte, war die Sonne dabei, wieder hinter dem Horizont zu verschwinden. In dem Sessel ihm gegenüber saß Frank und hielt seine Hände über die wärmenden Flammen. Benjamin hatte vergessen, dass Menschen Kälte empfinden konnten.
„Wie geht es Amily?“, fragte er. Frank drehte den Kopf, und sah ihn an. Nach einer Weile hellte sich sein Gesicht auf.
„Besser. Das Fieber ist zurückgegangen. Es war, als genese sie allein durch meine Anwesenheit. Sie ist auch kurz aufgewacht, doch jetzt schläft sie wieder.“
Benjamin nickte. Es war genauso gewesen, wie er gedacht hatte. Es war die Sehnsucht nach ihren Eltern, sie sie so schwach gegen das Fieber gemacht hatte. Er war froh, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befand.
Doch gleichzeitig begann die Angst sein Herz zusammenzupressen. Wenn Amily gesund war, würde sie dann mit ihrem Vater fortgehen, und ihn allein lassen? Würde sie sich an ihren Traum erinnern, und ihn richtig zu deuten wissen? Benjamin wagte kaum zu hoffen.
„Darf ich zu ihr?“, fragte er leise. Frank war erstaunt, nickte aber. Benjamin erhob sich und ging mit schnellen Schritten zu Amily’s Zimmer. Die Siebzehnjährige war wach. Sie lächelte, als sie Benjamin sah. Sie war immer noch blass, doch das Fieber war aus ihren Augen verschwunden.
„Ich danke dir, dass du meinen Vater hergeholt hast, Benjamin“, sagte Amily. Der Vampir nickte, antwortete aber nicht. Was hätte er auch sagen sollen? Dass sie nicht fortgehen durfte, ihn nicht allein zurücklassen sollte?
Amily bemerkte, dass mit ihm was nicht stimmte. Sie versuchte, sich zu erheben, um zu ihm zu gehen, doch sie war noch zu schwach. Benjamin sah ihren vergeblichen Aufstehversuchen zu, dann kam er zu ihr und setzte sich auf die Bettkante.
Amily griff nach seiner Hand und ergriff sie. Se bemerkte das kaum merkliche Zucken, als sich seine Hand um die des Vampirs legte, sah den Schmerz und die Trauer in seinem Gesicht.
„Ich muss mit dir sprechen, Benjamin“, sagte Amily leise. Einen Moment schien es, als habe er sie nicht verstanden, doch dann nickte der Vampir. Der Ausdruck der Trauer in seinem Gesicht wurde stärker.
Benjamin wusste, was Amily ihr sagen würde. Einen schrecklichen Moment lang wünschte er, er hätte sie in jener schicksalhaften Nacht den Wölfen überlassen; dann wäre sein Herz noch heil, hätte keine Risse und würde nicht jeden Moment drohen, zu zerspringen.
„Mein Vater hat mich gebeten, mit ihm zu meiner Mutter zurückzukehren“, sagte Amily. „Ich war zu lange von zu Hause fort. Man dachte, ich sei tot. Ich würde meiner Mutter diesen Schmerz gerne nehmen. Aber dazu muss ich mit meinem Vater gehen.“
Benjamin zwang sich, den Kopf zu heben, als er merkte, dass Amily auf seine Antwort wartete. Er schaffte es sogar, leicht zu lächeln.
„Du musst tun, was du für richtig hältst“, sagte er leise. „Wenn du mit deinem Vater gehst, kann ich dich nicht aufhalten.“
Rasch senkte er den Kopf wieder, damit Amily sein Gesicht nicht sah. Er wusste, dass sein Gesichtsausdruck ihn verraten würde. Doch Amily legte, wie er vor wenigen Tagen, ihre Hand unter sein Kinn und hob so seinen Kopf an.
„Komm mit mir“, sagte sie leise. „Ich rede mit meinem Vater. Er wird nicht dagegen sein. Und wir können zusammen bleiben.“
Benjamin schüttelte den Kopf.
„Nein, Amily. Hast du vergessen, dass die Menschen mich fürchten? Ich würde nicht geduldet werden in deinem Dorf. Und wenn dein Vater erfährt, was ich bin, wird er mich fortjagen. Nein, Amily: ich gehöre nicht in deine Welt. Ich bin nicht wie ihr.“
Amily sah den Vampir verzweifelt an.
„Dann bleibe ich bei dir. Ich sage meinem Vater, dass ich dich nicht verlassen kann. Er wird es verstehen, ich weiß es…“
Benjamin stoppte den Redefluss, indem er der Siebzehnjährigen sanft einen Finger auf die Lippen legte. Wie weh es tat! Wenn Amily bei ihm bliebe, hätte er sein Ziel erreicht; seine Einsamkeit wäre endlich überwunden, sein Warten hätte ein Ende…
Doch er durfte sich nicht von seinen Gefühlen mitreißen lassen. Er wusste, was geschehen würde, wenn Amily bei ihm blieb. Irgendwann würde er den Dämon in ihm nicht länger beherrschen können, und dann wäre das Mädchen verloren.
„Amily.“ Oh, warum war es nur so schwer, das zu sagen, was man dachte. Zaghaft strich Benjamin dem Mädchen über das Gesicht. Nach kurzem Zögern zog er sie an sich, und sie barg ihr Gesicht an seinem Hals.
Benjamin konnte den Duft ihres Haares riechen, doch er durfte sich jetzt nicht ablenken. Zu viel stand auf dem Spiel, sowohl für Amily als auch für ihn.
„Amily, du musst mit deinem Vater nach Hause zurückgehen. Glaub mir, es ist das Beste so. Ich kann es dir nicht erklären; glaub mir, ich würde es so gerne, doch es geht nicht. Du musst gehen, und ich muss hier bleiben. Die Menschen in deinem Dorf würden mich nicht dulden; und wenn sie herausfänden, was ich bin, würden sie mich jagen.
Ich möchte dir diesen Schmerz ersparen. Amily, hör mir zu“, Benjamins Stimme wurde schneller; er vernahm Schritte, die sich näherten. Frank, der gekommen war, um seine Tochter zu holen!
„Wenn dein Vater da ist, möchte ich, dass du aufstehst, und mit ihm gehst. Dreh dich nicht um, und blick nicht zurück. Und wenn du aus dem Wald kommst, möchte ich, dass du mich vergisst.“
Oh, wie sie weinte! Wie sehr sie sich an ihn klammerte, als sie die Stimme ihres Vaters hörte, der ihren Namen rief. Benjamin löste sich aus der Umarmung und nahm Amily’s Gesicht in seine Hände. So sah er sie lange stumm an.
Amily blickte den Mann vor sich so flehend an, dass es Benjamin das Herz zerschnitt. Doch er blieb eisern. Sachte wischte er ihr die Tränen von den Wangen und küsste sie kurz auf die Stirn, bevor er aufstand und sie mit sich zog.
Frank nahm seine Tochter entgegen, gab Benjamin die Hand und sagte: „Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe!“
„Bedanken Sie sich bei Amily“, erwiderte der Vampir.
Frank betrat den Flur, Amily im Arm mit sich führend, die immer noch stumme Tränen weinte. Benjamin folgte ihnen, mit einigen Metern Abstand. Mit jedem Schritt, den Amily in Richtung Portal machte, öffnete sich die Wunde in seinem Herzen ein Stück weiter. Doch er sagte nichts, ging nur stumm dem Portal, und somit seinem Tod entgegen.
Das Portal wurde von Frank geöffnet. Wind schlug Amily entgegen, und winzige Schneeflocken. Nun warf sie, entgegen Benjamins Verbot, doch einen Blick über die Schulter.
Wie sie den Vampir sah, erwachte in ihrem Herzen so großes Mitleid, dass sie leise aufstöhnte. Zu ihrem Vater gewandt, sagte sie mit leiser Stimme: „Ich möchte mich noch von Benjamin verabschieden. Ich komme gleich nach.“
Sie sah noch, wie ihr Vater das Portal hinter sich zuzog, dann drehte sie sich um und rannte zurück zu Benjamin, der just in dem Moment in die Knie sank und eine Hand auf sein Herz presste.
„Benjamin!“
Sie rief seinen Namen, ging neben ihm auf den Boden und umfasste ihn so fest sie konnte. Blind vor Tränen sah sie ihn an und küsste ihn. Der Vampir ließ es geschehen, saß einfach auf dem Boden, die Hand gegen sein brechendes Herz gepresst, und hieß seinen Tod mit den Lippen willkommen.
Eine Ewigkeit schien vergangen, als Amily sich von dem Vampir löste und ihn mit Tränen in den Augen ansah. Sie legte ihre Hände auf seine Wangen und lehnte ihre Stirn an seine. So verharrte sie lange, bevor sie den Mund öffnete und die Worte aussprach, die sie noch nie zuvor einem Mann gesagt hatte und nie wieder einem Mann sagen würde.
„Ich liebe dich, Benjamin. Ich liebe dich.“
Benjamin saß stumm da und blickte Amily an. In seinen Augen lagen Tränen. Nach mehreren Minuten, die sich für ihn zu Stunden ausdehnten, erhob sich Amily langsam und ging rückwärts in Richtung Portal.
Benjamin streckte die Hand nach ihr aus, und berührte noch einmal ihre Hände. Dann war sie fort. Mit den Lippen formte der Vampir Worte, die er dann, leise, in den leeren Raum sprach.
„Amily, ich liebe dich.“
Als die Worte verklungen waren, stieß Benjamin einen Schrei aus und stürzte zu Boden. Seine Hand krallte sich in seine Haut, wo sein Herz immer schneller schlug, der Schmerz immer schlimmer wurde, bis der Vampir meinte, verrückt zu werden – dann war es vorbei.


Amily, die sich zusammen mit ihrem Vater einen Weg aus dem Dunkelwald suchte, blieb plötzlich wie erstarrt stehen und starrte ins Leere. Frank drehte sich um, und griff nach ihrer Hand, als sie auf Zuruf nicht reagierte.
Später, einige Jahre danach, als Amily verheiratet war und in der nächsten Stadt lebte, ging Frank manchmal durch den Wald zurück zu der Stelle, die er jedes Mal wie durch Zauberei fand.
Dort stand er still und lauschte auf das Rascheln der Bäume. Und manchmal, wenn er sehr genau hinhörte, meinte er, durch das Rascheln die Stimme seiner Tochter zu hören, die einen Namen flüsterte.

Benjamin.

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